Foto-Business

Rezension: „Biete Visionen … – Leben und Arbeiten als Profifotograf“ von David duChemin

Von 20. Oktober 2010 3 Kommentare


Autor: Michael Gelfert

Nachdem Michael ja bereits eine erste kurze Zusammenfassung aus seiner Sicht geschrieben hat, reiche ich heute meine Rezension nach.

Mal gleich als erstes eine Warnung: „Biete Visionen…“ ist kein klassisches Fotolehrbuch. Von David duChemin lernt man praktisch nichts über Technik, Bildgestaltung oder Motivwahl. Auch Fotos findet man im Buch eher wenige und diese sind meist auch nicht illustrierend. Für einen Fotografen macht es das Buch damit etwas langatmig und schwer zu lesen – denn ein Roman mit Spannungsbogen ist es auch nicht.
Wer sich aber ernsthaft mit dem Gedanken trägt, haupt- oder wenigstens nebenberuflich als selbstständiger Fotograf zu arbeiten, für den enthält das Buch eine große Menge an Tipps, Erfahrungswerten und grundsätzlichen Überlegungen.

Kapitel eins beginnt mit einer kurzem Vorstellung des Autors und vor allem seines Karriereweges. Dabei wird auch der Titel erklärt. Laut duChemin sind Fotografen eben „Visionshändler“ (so lautet auch die wörtliche Übersetzung des Originaltitels).

Den Schluss des Kapitels bildet ein kurzer Abschnitt, der konkret von einer erfolgreichen Beispielkarriere und dem Weg dorthin erzählt. „Diese „Visionshändler“-Kapitel finden sich immer wieder im Buch und stellen für mich persönlich das Highlight des Buches dar. Sie sind prägnant geschrieben und gewählt, vielseitig und zeigen mögliche Wege direkt aus der Praxis auf.

Kapitel 2 beginnt mit der Reflektion, was einen Berufsfotografen ausmacht und warum es vielleicht auch nicht für jeden erstrebenswert ist. Zählt man sich aber zu denen, für die Fotografie auch nach diesen Überlegungen noch mehr als „nur“ Hobby werden soll, geht es direkt weiter mit dem nächsten logischen Schritt: der Selbstreflektion. „Erkenne dich selbst“ heißt die größere Überschrift. „Kennen Sie Ihren Markt“ lautet die nächste. Und „Kennen Sie Ihr Handwerk“ die dritte.

Spätestens hier zeigt sich, dass das Buch viel zum philosophischen Nachdenken anregt – und duChemin zwischen den prägnanten Überschriften selbst gern philosophiert. Das ist durchaus sinnvoll, wenn man etwas so wichtiges und drastisches wie den Schritt in die Selbstständigkeit plant. Für Pragmatiker (wie mich) ist das aber auch etwas ermüdend und langatmig. Es fehlen mir einfach die konkreten praktischen Vorschläge und die abschließenden Feststellungen. Viel wird offen gelassen, der Leser muss selbst eine Lösung und Meinung finden. Deshalb ist „Biete Visionen…“ eigentlich ein Ratgeber, kein Lehrbuch.
Natürlich ist das bewusster Teil des Konzepts. Das Buch soll möglichst viele Leute ansprechen, ohne die Zielgruppe auf eine bestimmte Fotografenriege einzugrenzen. Das heißt aber auch, dass das Buch auf konkrete Fragen wenig Antworten liefert. Angenehme Ausnahme bilden die erwähnten „Visionshändler: …“-Kapitel.

Das lange Kapitel drei befasst sich mit dem wichtigen, schwierigen und vielseitigen Thema Marketing. duChemin schreibt über die 4 Säulen des Marketings, über Branding, Aussenwahrnehmung, Mundpropaganda, Logos, Visitenkarten,Web 2.0 und Direktwerbung.  Weltbewegendes liest man da natürlich nicht. Alles findet man so auch in BWL-Vorlesungen, Marketing-Büchern und in manchen Internetblogs. Hier ist es aber eben in einem Buch gesammelt und zusammengefasst, das sich direkt an Fotografen richtet.

Kapitel vier trägt den Titel „Geschäft und Finanzen“. Dort bekommt man Ratschläge, warum man Verträge braucht (zur Ausgestaltung wird ausdrücklich auf Anwälte verwiesen), Tipps zum Sponsoring (auch wenn ich irgendwie bezweifle, dass das ein umsetzbares Konzept für die Masse der Buchleser ist) oder zum Kapital. duChemin schlägt Maßnahmen vor, die die Kosten im Rahmen halten, warnt vor Schulden und erinnert an Steuern. Auch die Themen „Preise“ und „(Preis)Verhandlungen“ finden in diesem Kapitel Beachtung. Den Abschluss des Kapitels bildet der Autor mit einem kurzen Abschnitt über Versicherungen.

Kapitel fünf sind ein paar abschließende warme Worte und das Buch schließt mit kurzen „Fragen und Antworten“ und einem Interview mit Joe McNally.

Die Beschreibung zeigt, dass das Buch so ziemlich alle Themen aufgreift, die bei der Gründung und Fortführung einer fotografischen Selbstständigkeit notwendig sind.

„Biete Visionen…“ liefert einen guten Leitfaden, auf was alles zu achten und was zu bedenken ist bei der fotografischen Karriere. Wer das also sucht und keine Vorbildung im betriebswirtschaftlichen Bereich hat, sollte sich das Buch auf alle Fälle ansehen.
Es ist aber eben nur ein Leitfaden. Stößt man mit den allgemeinen Ratschlägen aber auf Probleme oder passen sie einfach nicht auf die eigene Marktpositionierung, hilft das Buch eher wenig weiter.

Meine persönliche Meinung zum Buch ist, das wurde wohl schon deutlich, gespalten.
Man muss das Ratgeber-Konzept mögen, um mit dem Buch richtig warm zu werden – das ist bei mir nicht so ganz der Fall. Ich habe es gern konkreter und handfester. Für mich muss ein Buch nicht alle ansprechen, aber die richtig.
Sehr lehrreich und inspirierend finde ich aber die „Visionshändler: …“-Abschnitte. Davon bietet das Buch immerhin 9 Stück. Hier finden sich sehr unterschiedliche Fotografen (und einige Ihrer Werke) mit sehr unterschiedlichen Herangehensweisen und Karrieren. Ganz konkret. Klasse.

Zur physischen Ausgestaltung des Buches gibt es eigentlich nur positives zu vermelden: Das Hardcover wirkt hochwertig, die Schrift ist angenehm groß und sehr gut lesbar, das Seitenlayout übersichtlich und Schreib- oder Satzfehler sind mir ebenfalls nicht aufgefallen. Ein blaues Stoffbändchen ist am Buch als Lesezeichen befestigt. Der Preis von 39,80 Euro ist nicht niedrig, aus meiner Sicht aber angemessen.

Es gilt letztlich, was für die meisten Bücher gilt: Man muss sich selbst eine Meinung bilden und mal reinschauen. Einen näheren Blick, so viel kann ich zumindest versichern, hat „Biete Visionen…“ auf jeden Fall verdient!

David duChemin: Leben und arbeiten als Profifotograf
ISBN: 978-3-8273-2960-8
272 Seiten – 4-farbig, Bilderdruck
Mai 2010, € 39,80 [D]

Mehr Informationen bei Addison-Wesley und bei Amazon.

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3 Kommentare

  • Stefan sagt:

    Moin,

    verweise in diesem Zusammenhang gerne auf „Fast Track Photographer“ von Dane Sanders – zumindest für englischsprachige Leser die preiswertere und vermutlich auch individuellere Lösung.

    Grüße
    Stefan

  • Henning Wust sagt:

    Danke für den Artikel. Zwei Anmerkungen. Die Erste sehr leidenschaftlich, die Zweite mehr nüchtern:

    – David weist durchgängig darauf hin, dass es sich um kein „How-To…“-Kochbuch, sondern ein Buch für die Entwicklung eines eigenen (!) Weges und Konzeptes ist. Und für diese Reise gibt er jede Menge Vorschläge für die Eigenarbeit (und die sind auch wirklich mit viel Arbeit verbunden, „Ohne Fleiss kein Preis“). Insofern hilft das Buch sehr wohl bei der eigenen Marktpositionierung. Man bekommt nur eben nichts vorgekaut, sondern wird im eigenen Nachdenken, der Markterkundung, usw., geführt.
    Bücher, die lediglich nach dem „mach es so, dann…“-Schema aufgebaut sind, führen zu farblosen Clones und Kopien. Wir reden doch hier über eine kreative (!) Kunst, oder?

    – Nach der Lektüre des Originales und der deutschen Übersetzung sei allen potentiell interessierten Lesern dringend geraten, auf die englische Originalfassung zurück zu greifen. Diese ist in vielen Bereichen von Inhalt und Lesefluss geschmeidiger.

    Viele Grüsse vom Polarkreis

    Henning

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