Fotografie

Freude am Sehen – Kontemplative Fotografie

Von 7. Februar 20212 Kommentare
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„Klick in das Gefühl der Freude“

Von Nadine Wilmans

In ihrem Buch „Freude am Sehen – Kontemplative Fotografie“ vermittelt Hiltrud Enders eine erfrischend neue Herangehensweise ans Fotografieren. Sie schreibt nicht über Kameratechnik oder Bildgestaltung, sondern ganz elementar: über das Sehen. Wichtigste Voraussetzung für ein gutes Foto – und Methode für mehr Achtsamkeit im Alltag. Das Buch ist mehr als ein Fotobuch, es ist ein Ratgeber für ein achtsam gelebtes Leben.

Kontemplativ heißt die „Beschäftigung mit dem, was gerade ist“. Für den Leser heißt das: Warte nicht auf den Urlaub oder ein spektakuläres Motiv, bis du die Kamera zückst, sondern schau hin, was gerade jetzt um dich herum ist. „Alles ist wert, betrachtet zu werden – ob an der Tankstelle oder im botanischen Garten. Sehen geschieht ständig“, schreibt Enders. Und: „Wenn ich nicht in meiner vertrauten Umgebung sehen kann, dann auch nicht außerhalb dieser Welt.“

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Enders ist Architektin und fotografiert „schon immer“. 2006 lernte sie Michael Wood kennen. Er ist der „Erfinder“ der Miksang Fotografie, deren Philosophie sie in ihrem Buch beschreibt. Miksang ist tibetisch für „das gute Auge“ und ist eine Form der kontemplativen Fotografie. Begeistert von dieser Art Art zu fotografieren, ist Enders inzwischen Trainerin am Miksang Institute for Contemplative Photography. „Klick in das Gefühl der Freude“, lädt sie ein.

Kernaufgabe der Miksang-Fotografie ist es, den „Augenblick frischer Wahrnehmung“ festzuhalten, „die Frische der ersten Millisekunde der Wahrnehmung, in der noch keine Einordnung und Beschreibung geschieht.“ Denn, so Enders: „Du kannst nicht Sehen und Denken gleichzeitig.“ Ein Beispiel: „…du kommst morgens verschlafen in die Küche und bist sofort wach, denn die frühe Sonne taucht den ganzen Raum in dieses zauberhafte Licht, unglaubliche Schatten zeichnen sich auf die Wand. Nenne diese Lücke einen Minischreck, eine kräftige Überraschung oder leichte Desorientierung. Hier geschieht frische Wahrnehmung.“

Das reichlich bebilderte Hardcover-Buch ist als Bildband gestaltet. Alle Fotos sind unbearbeitet, denn das entspricht der Miksang-Lehre: „Ich sehe, was ich sehe, und möchte es nicht ändern.“ Generell mag ich in einem Hochglanz-Bildband „fertige“, bearbeitete Bilder. Schließlich ist in der Bearbeitung noch so viel herauszuholen, um das Kunstwerk Foto nochmal weiter zu entwickeln. Doch für dieses Buch sind die Bilder direkt aus der Kamera genau richtig. „Weniger ist mehr“, sagt Enders. Ihre Bilder sind persönlich, haben Charakter und Atmosphäre. Und sie machen wirklich Lust auf Alltags-Fotografie.

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Im Buch wird viel wiederholt, stellenweise fand ich Erklärungen unnötig abstrakt. Doch die Lektüre macht so gute Laune, dass man am liebsten noch lange weiterlesen möchte. Das Buch ist sehr lesenswert, zumal es noch nicht viele deutschsprachige Publikationen über diesen Ansatz in der Fotografie gibt. Dank der vielen Bilder und Zitat-Seiten, hat man die knapp über 200 Seiten schnell durch und geht danach sicherlich mit etwas mehr Sensibilität durch den Alltag.

Gerade für „Denker“ ist „Freude am Sehen“ ein guter Impuls. Also für die Alltags-Fotografen, die sich erstmal alles Mögliche überlegen bevor sie den Auslöser drücken, anstatt ihrer Intuition zu folgen. Wie geht`s dir mit dem intuitiven Fotografieren? Drückst du mutig und selbstbewusst auf den Auslöser, oder bist du oft am Zögern? Um ehrlich zu sein, denke ich ziemlich oft zu viel – zum Beispiel: „Was denken die Leute, wenn ich hier jetzt fotografiere?“ Dadurch habe ich schon viele Momente verpasst. Zum Glück gibt es jeden Tag neue Augenblicke, um zu üben und sich über das Sehen zu freuen.

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Über Nadine Wilmans

Nadine Wilmans arbeitet als freiberufliche Journalistin und Fotografin. Auch wenn sie nicht für einen Auftraggeber unterwegs bin, trägst sie eigentlich immer eine Kamera mit sich rum. Selbst für die Gassi-Runde mit dem Hund hat sie meistens zumindest eine kleine Kompakte einstecken. Auch wenn in der Regel nichts Besonderes ist, macht ihr das immer noch die Erwartungsfreude „Es könnte ja…“. Auf ihrem Blog www.nadinewilmanns.com schreibt sie über Fotografie und Kreativität.

Über Autor

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