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Henning Wüst: Als deutscher Fotograf in Lappland


Henning Wüst ist vielen Leser sicher als Autor des Lappland-Blog bekannt. Manche mögen sich fragen: Wie kommt man als deutscher Fotograf dazu, in Lappland zu arbeiten? Daher freue ich mich ganz besonders, dass Henning heute auf meine Fragen antwortet.

Foto: Petra Fülbert

Henning, Du arbeitest als Fotograf in Lappland. Wie siehst Du die Unterschiede zu einer Tätigkeit hier in Deutschland?

Ich bin mir nicht sicher, ob ich das gut einschätzen kann. Auf jeden Fall ist der Markt hier in Nordschweden sehr speziell. Grosse Abstände und durch die dünne Besiedlung – wir kommen hier durchschnittlich auf unter 2 Einwohner pro Quadratkilometer – sind auch die Kunden dünn gesät. Auf der anderen Seite ist das Verhältnis zwischen den Kolleginnen und Kollegen sehr gut. Alles ist relativ entspannt und alle sind sehr hilfsbereit.

Was sind Deine Hauptaufgabengebiete und für welche Kunden arbeitest Du?

In der reinen Fotografie bin ich hauptsächlich in Sachen Travel und Tourismus tätig. Im Fotojournalismus für schwedische und ausländische Zeitungen und Verlage sind die Stories sehr breit gefächert und es ist manchmal herausfordernd oder auch sehr amüsant.

Letztes Jahr bin ich z. B. stundenlang bei eisiger Kälte mit einem Rentierzüchter durch den tiefverschneiten Wald gekurvt um ein bestimmtes Rentier mit GPS-Sender zu finden und zu fotografieren. Da wird es dann mitunter recht abenteuerlich.

Manche Aufträge liegen in der Schnittmenge von Reportage und Tourismus, so wie z. B. ein Bericht über das mittlerweile weltbekannte Treehotel in Harads. Da fühle ich mich dann pudelwohl bei der Arbeit.

Berglandschaft „Im Fjäll“. Für eine Tourismus-Anzeigenkampagne fotografiert.

Beschreib doch bitte einmal einen typischen Ablauf eines Auftrags, den Du in letzter Zeit abgewickelt hast.

Das läuft meistens ganz unkompliziert und klassisch: Eine Tourismusorganisation meldet sich und berichtet von einer neuen Location, die Vertragspartner geworden ist. Nun werden Bilder für Broschüren und fürs Web benötigt. Die Bilder werden auch den Veranstaltern zur Verwendung in deren Katalogen und Webseiten zur Verfügung gestellt. Der Kunde erhält ein Angebot per Mail. Bei Bestätigung geht es in der Regel erst einmal zum Location Scouting. Dann wird ein zur Location passender Termin gebucht. Dabei spielen in erster Linie das – zu erwartende – Wetter und die zu erwartenden Besucher / Gäste eine Rolle. Die Tücke liegt oft im Detail: Einige hundert Kilometer Anfahrt sind an der Tagesordnung, und wenn das Wetter dann nicht mitspielt, kann ein Auftrag deutlich mehr Zeit in Anspruch nehmen, als ursprünglich geplant.

Was sind die Glücksmomente bei der Deiner Arbeit als Fotograf?

Das Schönste ist einfach immer wieder, einen rundum zufriedenen Kunden zu erleben. Das macht Spass und Freude. Und die eigenen Fotos in der Zeitung zu sehen, weckt auch immer wieder Glücksgefühle.

Wie definierst Du für Dich Erfolg und welche Ziele hast Du bei Deiner Arbeit?

Erfolg und Erfüllung haben gar nicht so viel mit Fotografie zu tun. Es gibt so viel Wichtigeres im Leben. Mein grösster Erfolg im Leben war es, meine Ehefrau zu finden.

Ziele bei der Arbeit? Ja, die habe ich. Die gehen aber mehr in den künstlerischen Bereich. Die nächsten zwei Jahre sollen mindestens zwei thematische Ausstellungen entstehen. Ausserdem ist es mir ganz wichtig, meine Offenheit und Unvoreingenommenheit zu bewahren, denn sonst würde mir die Arbeit keinen Spass mehr machen.

Aus einer Reportageserie über die Skotercross Weltmeisterschaft. Für ein Motorsportmagazin fotografiert.

Du hast Jura studiert und warst in Deutschland lange Jahre als Rechtsanwalt tätig. Was hat Dich dazu bewogen, mit der Fotografie Dein Geld zu verdienen?

Jura war der „anständige Teil“ meiner früheren beruflichen Laufbahen. Schon bevor ich mich der Juristerei gewidmet habe, war ich journalistisch tätig. Im Alter von 16 Jahren habe ich – damals bei der Heilbronner Stimme – als Sportreporter angefangen. Nach dem Studium hat sich der Fokus mehr in Richtung Jura bewegt. Die letzten Jahre als Anwalt waren sehr stressig und haben nicht mehr viel Zeit für Journalismus und Fotografie gelassen. 2006 hatte ich dann ein Erlebnis, das mir die Augen geöffnet hatte.

In einem Seminar erzählte ein Coach eine gleichnishafte Geschichte: Am Ende der Karriereleiter steht ein Schild. Auf diesem steht: „Hier ist das Ende der Leiter“. Dort wollte ich als Anwalt nicht enden. Kurz darauf entschieden wir uns nach intensiven Diskussionen innerhalb der Familie zum Umzug gen Norden.
Und diese Liebe zu Lappland möchte ich auch in meiner Fotografie zum Ausdruck bringen.

Samische Tracht. Für eine Tourismus-Anzeigenkampagne fotografiert.

Was würdest Du einem Menschen raten, der wie Du plant, seinen angestammten Beruf zu verlassen und Fotograf zu werden?

Behalte Deinen Job und steige sukzessive um! Mach einen Businessplan! Lass Dich beraten! Gehe den Schritt nur, wenn Deine Familie mit zu gehen bereit ist!

Wo siehst Du die Hauptschwierigkeiten, in einem fremden Land als Fotograf Fuß zu fassen?

Das Verständnis der Mentalität und der Sprache sind das A und O. Fotografen und Fotojournalisten leben von Sprache und Bildsprache. Und die ist hochgradig kulturell kontextualisiert. Eine „echt deutsche“ Bildsprache kann z. B. für eine schwedische Tageszeitung problematisch sein. Deine Bilder werden dann u. U. systematisch falsch verstanden.

Henning, welche Projekte hast Du für die nächsten 12 Monate geplant?

Ich nehme an, Du meinst persönliche Projekte. Auf meiner persönlichen Projektliste für 2012 steht u.a. Panoramafotografie.

Danke Dir für Deine Antworten und viel Freude und Erfolg weiterhin in Lappland.

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Michael Omori Kirchner

About Michael Omori Kirchner

Ich arbeite als Fotograf in Heidelberg und gebe mein Wissen und meine Erfahrung als Business-Coach für Kreative weiter. Mehr

3 Kommentare

  • Oliver Teske sagt:

    Ich finde es absolut toll wenn Jemand den Mut dazu hat seine heimat zu verlassen und dann noch so eine interessante Arbeit, da kann ich ihn nur beglückwünschen und feststellen was ich im Leben falsch gemacht habe. Ich fürchte nur es funktioniert nicht immer so prima, mansch einer hat wohl auch Pech.
    Gruß
    Oli

  • Kann mich meinem Vorredner anschließen: Bewundernswert. Eine sehr interessante Geschichte.Schön, daß alles geklappt hat, was sicherlich nicht selbstverständlich ist.

  • Jörgen Halex sagt:

    Leider habe ich erst heute diesen Artikel gelesen und möchte ihn dennoch kommentieren.
    Ich bin ebenfalls ausgewandert und weiß, dass es mit Problemen verbunden ist. Wie Henning schon sagt, die Familie muss es mit tragen. Es ist ein langer schwerer Weg und Henning verdanke ich manchen guten Rat, der mir in Entscheidungsfindungen half. So habe ich von seiner Erfahrung profitiert und sage an dieser Stelle , danke Henning.
    Wer seine Heimat verlässt hat gute Gründe. er beginnt ein komplett neues Leben und das ist mein Ziel. Vor Problemen flüchten, ist mit der Auswanderung nur ein begrenzter Zeitkauf. Die Probleme kommen wieder.

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