Kameras

Lochkamera selber bauen (Bauanleitung)

Von 21. März 2021Kein Kommentar
Lochkamera

Von Cyrill Harnischmacher

Fotografieren ohne Objektiv, die gleiche (Un-)schärfe in allen Bildbereichen und sehr lange Belichtungszeiten: Das ist es, was man mit dem Begriff »Lochkamera selber bauen« verbindet. Die hier vorgestellten Projekte gehen noch einen Schritt weiter. Aber vor allem machen sie viel Spaß und regen zum Experimentieren an.

Rasierklingenblenden- und Multi-Lochkameras

Lochkamera selber bauen ist auch deshalb so beliebt, weil sich der notwendige Aufwand an Zeit und Material in Grenzen hält. Im Gegensatz zu einer normalen Kamera verfügen Lochkameras nicht über ein optisches System aus Linsen, das die Lichtstrahlen fokussiert. Vielmehr bestimmt der Abstand der Lochblende vom Sensor den Bildwinkel. Je kürzer der Abstand, um so weitwinkliger ist das Ergebnis. Je kleiner das Loch, desto schärfer ist die Aufnahme.

Eine Schwierigkeit beim Bau eines Lochkamera-Objektivs ist die Fertigung eines möglichst kleinen, aber exakten Lochs, um unnötige Unschärfen durch die Beugung des Lichts zu vermeiden. Normalerweise sticht man dazu mit einer feinen Nadel ein Loch in eine dünne Aluminiumfolie oder Karton. Das Ergebnis hat anfangs oft sehr ausgefranste Kanten, die man noch mit feinem Schleifpapier entgraten kann. Das erfordert allerdings etwas Übung, um ein gutes Resultat zu erreichen.

lochkamera-01-lochblende

Eine Alternative ist es, eine fertige Lochblende zu kaufen. Sie besteht in der Regel aus einer dünnen Metallfolie, in die ein Loch gelasert oder gebohrt wurde. Diese Qualität lässt sich mit Heimwerkermitteln nicht erreichen. Es gibt jedoch einige Alternativen, die sich aber in der erreichbaren Bildqualität unterscheiden. Doch als Erstes möchte ich mich mit den verschiedenen Adaptionsmöglichkeiten beschäftigen.

Lochkamera-Fassungen und Kamera-Anschluss

Im ersten Schritt muss die Lochblende in einer Fassung befestigt werden. Dazu schneidet man eine runde Pappscheibe mit einem etwa 12 mm großen Loch in der Mitte zurecht. An der Rückseite dieser Scheibe kann nun die Lochblende mit transparentem Klebeband befestigt werden. Der korrekte Außendurchmesser hängt vom verwendeten Kamera-Adapter ab. Die Lochblende kann dann samt Fassung mit etwas Doppelklebeband an einem Kamera-Adapter oder einem modifizierten Kameradeckel befestigt werden.

Kameradeckel

Kameradeckel

Die kostengünstigste Variante ist die Verwendung eines nicht mehr benötigten Kameradeckels. Diese bestehen in der Regel aus Kunststoff und befinden sich meistens schon im Lieferumfang der Digitalkamera. Bohrt man mittig ein Loch mit etwa 10 bis 12 mm Durchmesser in den Deckel, kann die Lochblendenfassung außen oder innen am Kameradeckel befestigt werden.

Objektivadapter M42 und Kameradeckel

Objektivadapter

Flache Adapter auf das M42-Gewinde gibt es für nahezu jedes Kamerabajonett. Um diesen an einer Digitalkamera zu befestigen, kommt ein modifizierter Kameradeckel zum Einsatz, dieses Mal mit einem M42-Gewinde. Da diese Kameradeckel sehr günstig sind, eignen sie sich gut, wenn man mehrere unterschiedliche Lochblenden-Varianten anfertigen möchte. Durch das M42-Gewinde lassen sie sich schnell und einfach wechseln.

Retroadapter

Retroadapter Lochkamera

Dieser ebenfalls sehr flache Adapter vom Objektivbajonett auf ein Filtergewinde dient eigentlich dazu, ein Objektiv in Retrostellung an die Kamera zu adaptieren. Hier wird einfach die Lochblendenfassung in den Adapter eingelegt und mit Klebeband fixiert. Je nach verwendetem Retroadapter muss eventuell die Pappscheibe, die der Lochblende als Fassung dient, einen etwas anderen Durchmesser haben.

C-Mount-Adapter

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Bei Adaptern auf das C-Mount-Gewinde ist das Objektivgewinde einige Millimeter zurückversetzt. Das ermöglicht es, die Lochblende sehr nah am Sensor zu platzieren. So lässt sich ein sehr weitwinkliges Ergebnis erzielen. Die Fassung der Lochblende wird einfach in den Adapter geklebt oder, wenn es sich um einen kombinierten C-Mount-/M42-Adapter handelt, mit einem Filteradapter mit M42-Außengewinde gesichert.

Zoom-Lochkamera

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Da sich bei Lochkameras mit dem Abstand vom Sensor der Bildwinkel verändert und nicht der Fokus, wie bei einem Linsenobjektiv, erhält man mit dem Einsatz von einem oder mehreren Helicoid-Adaptern ein Lochkamera-Zoom-Objektiv.

Lochkamera mit Rasierklingenblenden

Beim ersten der hier vorgestellten Lochkamera-Projekte möchte ich einen etwas ungewöhnlicheren Weg gehen. Hier wird das Loch nicht gebohrt, sondern aus mehreren Teilen zusammengesetzt. Das klingt zuerst etwas merkwürdig, ist aber bei näherem Hinsehen der Funktionsweise einer Blende in einem normalen Objektiv sehr ähnlich. Basis ist auch hier eine die runde Scheibe aus schwarzem Karton, die als Lochblendenfassung dient. Nun schneidet man handelsübliche Rasierklingen in Stücke von etwa 20 bis 25 mm Länge.

Drei dieser Abschnitte werden mithilfe von Klebeband so auf die Kartonscheibe geklebt, dass sie sich gegenseitig überlappen und ein gleichmäßiges Loch bilden. Das geht am besten, wenn man mit einer Standlupe arbeitet und die Rasierklingen auf einer von unten beleuchteten Fläche montiert, etwa einem Dia-Leuchttisch.

Rasierklingenblende
Auch die Randschärfe des Lochs hat Einfluss auf die Bildqualität. Links eine Rasierklingenblende, rechte ein Loch mit einer feinen Nadel in Alufolie gestochen.
Rasierklingenblende
Um die Rasierklingen exakt auszurichten, verwendet man eine Lampe als Gegenlicht und eine Standlupe.

Schlitzkamera mit Rasierklingenblenden

Das Vorgehen bei der Schlitzblende ist fast identisch, nur dass hier lediglich zwei Rasierklingen zu Einsatz kommen, die parallel im Abstand von etwa einem Viertel- bis einem Drittelmillimeter montiert werden, sodass ein sehr dünner, gleichmäßig breiter Schlitz entsteht.

Die Ergebnisse der Schlitzkamera wirken ein wenig wie Bilder mit Bewegungsunschärfe oder Mitzieher, wobei sich der Effekt auf das gesamte Bild auswirkt. Die Länge des Schlitzes hat Einfluss auf die Weite der Unschärfe. Das kann von moderat bis völlig abstrakt gehen. Zusätzlich kann durch die Drehung des Schlitz-Objektivs die Richtung der Unschärfe beeinflusst werden.

Rasierklingenblende
Die fertigen Rasierklingenblenden in einer Fassung aus Karton. Links eine dreieckige Lochblende, rechts eine Schlitzblende.

Multiple Lochkamera selber bauen

Die Fassungen haben den gleichen Aufbau wie bei den anderen Lochkameras. Als Material kommt ein einfacher schwarzer Karton zum Einsatz, in den die Löcher mit einer dünnen Nadel gestochen werden. Der Anzahl der Löcher und deren Anordnung sind keine Grenzen gesetzt. Hier kann man sich kreativ austoben.

Reihen von Löchern, regelmäßige Raster, ringförmige Anordnung und so weiter, alles ist möglich. Soll das Mittelloch, das durch den Schneidezirkel entstanden ist, nicht verwendet werden, kann es einfach mit etwas schwarzer Farbe verschlossen werden.

Allerdings muss man bedenken, dass die Qualität der Löcher in einem Karton nicht sonderlich präzise ist. Aber um ein bestimmtes Lochmuster auszuprobieren, reicht es natürlich aus. Hat man sich für ein Muster entschieden, kann man dieses dann auf ein anderes Material wie beispielsweise Kunststoff- oder Metallfolie übertragen.

Die notwendigen Belichtungszeiten ändern sich mit der Größe und der Anzahl der Löcher, sodass unter Umständen auch Zeiten möglich werden, die man auch ohne Stativ realisieren kann. Je näher sich die Löcher am Rand der Halterung befinden, umso wahrscheinlicher werden Vignettierungen.

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Mit einer feinen Nadel lassen sich unzählige Varianten an Multi-Loch-Einsätzen anfertigen.

Bei der Motivwahl kann man dem Prinzip folgen: »Je mehr Löcher, desto ruhiger sollte das Motiv sein«. Bei starken farbigen oder formalen Kontrasten bleibt das Ursprungsmotiv noch erkennbar, während kleinteilige, detaillierte Motive eher Strukturen als Ergebnis haben.

Flexible Lochkamera aus Super-8-Objektiv

Normalerweise lassen sich Objektive von Normal-8- oder Super-8-Kameras nicht an Digitalkameras adaptieren. Das Auflagemaß ist einfach zu gering und der Bildkreis würde nur einen kleinen Teil des Sensorformats ausleuchten. Trotzdem lassen sich manche dieser Objektive durchaus nutzen. Dazu müssen jedoch zuerst alle Linsen des Objektivs ausgebaut werden. Übrig bleibt lediglich die Blende. Je nach Objektiv lässt sie sich sehr weit schließen. Bei dem hier verwendeten Westarit 1:2,5/12,5 mm verbleibt bei Blende 16 eine Öffnung von etwa 0,6 mm, bei ganz geöffneter Blende sind es ungefähr 4 mm.

Da bei Lochkameras die Schärfe des Bildes von der Lochgröße abhängt, erhält man durch das modifizierte Objektiv die Möglichkeit, unterschiedliche Lochgrößen direkt live zu vergleichen.

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Das Objektiv einer Super-8-Kamera ohne die ursprünglichen Linsen wird zur variablen Lochkamera.

Die Ergebnisse reichen von erkennbar bis komplett unscharf. Zusätzlich kann man das Objektiv auch mit einem Helicoid an die Kamera adaptieren. Dann erhält man eine zoombare Lochkamera mit variabler Lochgröße. Inwieweit sich das kreativ einsetzen lässt, muss jeder selbst entscheiden. Interessant ist jedoch,
die Theorie einmal sehr anschaulich vor Augen geführt zu bekommen, wenn man die Parameter »Lochgröße« und »Abstand zum Sensor« verändert.

Lochkamera-Aufnahmen

Vor der Aufnahme sollte man noch einmal die Lochblende mit einem Blasebalg von eventuellem Staub befreien, der sich gerne unbemerkt in dem winzigen Loch festsetzt.

In der Regel sollten Lochkameras wegen der langen Belichtungszeiten vom Stativ aus eingesetzt werden. Je nach Lochgröße oder -anzahl können aber auch Aufnahmen aus der Hand realisiert werden. Sogar Aufnahmen mit Blitzlicht sind teilweise möglich.

Gerade die sehr langen Belichtungszeiten bei kleinen Lochgrößen haben ihren ganz besonderen Reiz. Neben statischen Motiven gehören auch fließendes Wasser, vom Wind bewegte Bäume oder sogar belebte Plätze in der Stadt zu den Motiven, die sich für Lochkamera-Aufnahmen anbieten.

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Heimwerken in der Fotografie

Dieser Artikel stammt aus dem Buch „Heimwerken in der Fotografie“ von Cyrill Harnischmacher.

Über Cyrill Harnischmacher

Cyrill Harnischmacher, Jahrgang 1963, studierte Freie Kunst und arbeitet als selbstständiger Graphiker für regionale und überregionale Kunden. Für Verlage ist er außerdem als Buchgestalter und Autor tätig.

Er hat zahlreiche Fotofachbücher verfasst sowie herausgegeben und schreibt Artikel für Foto- und Computerfachmagazine wie c’t Digitale Fotografie.

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