Reportage + Presse

Herausforderungen der Straßenfotografie

Von 8. Mai 2018 Ein Kommentar
Race Helmet - Hanoi LQ

Gastbeitrag von Sebastian Jacobitz

Die Straßenfotografie ist ein kontroverses Thema in Deutschland. Es gibt sicher beliebtere Genres in Deutschland und die meisten beschäftigen sich lieber mit der Portrait- oder Landschaftsfotografie.

Für mich ist die Straßenfotografie das komplizierteste fotografische Gebiet. Deshalb können auch Fotografen, die eigentlich kein Interesse an der Straßenfotografie haben, profitieren diese auszuprobieren.

Es schult das Auge, bringt dich mental weiter und zwingt dich auch unter Druck gut zu arbeiten.

Wie genau Du davon profitieren kannst und was die Herausforderungen in der Straßenfotografie sind, erfährst Du in diesem Artikel.

Was ist die Straßenfotografie

Zunächst möchte Ich kurz die Straßenfotografie beschreiben, da hier oftmals unterschiedliche Vorstellungen vorliegen. Für die einen ist jedes Bild das in der Öffentlichkeit entsteht bereits ein Straßenbild und andere beschreiben ganz stringente Kriterien die erfüllt werden müssen.

Um es einfach zu machen gibt es für mich lediglich zwei Kriterien die ein Straßenbild erfüllen muss.

Es muss in der Öffentlichkeit entstanden sein. Dies bedeutet nicht unbedingt auf der Straße, sondern öffentliche Gebäude sind ebenfalls inbegriffen oder sonstige Veranstaltungen.

Es muss ungestellt sein. Um einen „echten“ dokumentarischen Charakter zu haben, darf das Bild nicht gestellt oder beeinflusst werden.

Mit diesen beiden Kriterien werden auch die Aufgaben der Straßenfotografie beschrieben.

Die Straßenfotografie dokumentiert das öffentliche Leben zu einem bestimmten Zeitpunkt und bildet den Zeitgeist ab. Mit Hilfe der Straßenfotografie kann zum Beispiel das Lebensgefühl der 50er Jahre in New York nachempfunden werden und eine gute Straßenfotografie ermöglicht es dem Betrachter direkt in diese Zeit einzutauchen.

Fotografen wie Vivian Maier, Garry Winogrand oder Joel Meyerowitz haben die Geschichten Ihrer Städte festgehalten und mit Hilfe der Straßenfotografie können wir diese immer noch miterleben.

Ängste in der Straßenfotografie

Nun möchte Ich auf die eigentlichen Herausforderungen eingehen und weshalb nicht nur Straßenfotografen von dieser Art der Fotografie profitieren.

Die Straßenfotografie erfordert, dass der Fotograf seine Komfortzone verlässt und offen im Umgang mit Menschen ist. Fremde Menschen und öffentliche Situationen zu fotografieren hört sich erstmal ungewöhnlich an.

Wenn wir daran denken, fragen wir uns wie wohl die anderen Menschen auf uns reagieren würden, ob wir mit Konfrontationen zu rechnen hätten und wir uns überhaupt überwinden können frei zu fotografieren.

Ähnliche muss sich auch ein Hochzeitsfotograf überwinden, der eine Hochzeitsgesellschaft von vielleicht 100 Personen fotografieren muss und dort im Mittelpunkt steht.

Als Straßenfotograf kann es ebenfalls schnell passieren, dass nicht alle Menschen positiv eingestellt ist. Auf diese Situationen muss man souverän reagieren können.

Diese eigenen Ängste und Befürchtungen muss man überwinden können, wenn man das ungestellte Leben festhalten möchte.

Wobei auch zu erwähnen sei, dass diese Ängste zu großen Teilen unbegründet sind und wir uns selber die größten Ängste einreden. In meinen Jahren als Straßenfotograf kam es nur exakt ein Mal vor, dass ich gebeten wurde ein Bild zu löschen, andere Vorfälle gab es nicht.

Die Menschen reagieren sogar positiver als erwartet. Daher kann festgehalten werden, dass jeder, der noch etwas unsicher im Umgang mit der Kamera in der Öffentlichkeit ist, die Straßenfotografie ausprobieren sollte.

Empty Bench - Saigon

Komposition

Die Straßenfotografie ist eine sehr schnelle Disziplin. Anders als in einem Studio wo wir die Bilder ganz gezielt und genau vorbereiten können, muss in der Straßenfotografie alles ganz schnell gehen.

Wir sehen eine Situation, die für uns interessant ist und dann müssen wir diese auch direkt einfangen. Es gibt keine zweite Chance genau dieses Bild noch einmal zu bekommen.

Die Komposition muss daher in wenigen Sekunden fast wie von automatisch gestaltet werden.

Ist der Hintergrund unruhig? Sind Details im Bild die stören? Befolgt das Bild die einfachsten Regeln der Komposition?

All diese Dinge müssen innerhalb von kürzester Zeit bedacht und umgesetzt werden.

Dies geschieht nach einiger Zeit nicht mehr bewusst, sondern geht instinktiv in die Kamera und den fotografischen Blick über.

Darüber Hinaus ist die Straße auch abgesehen von diesem zeitlichen Druckmittel eine wahre Herausforderung wenn es um die Komposition geht.

Die Straße ist kein steriles Studio, sondern es gibt immer wiede neue Stolpersteine die ein gutes Bild „zerstören“ können. Seien es Oberleitungen von Straßenbahnen, die mal ungünstig über das Bild verlaufen, oder dass Personen abgebildet werden, die eigentlich gar nicht mehr im Bilde sein sollten.

Für diese Schwierigkeiten benötigt man kreative Lösungen. So müssen innerhalb der kurzen Zeit neue Winkel und Einstellungen gefunden werden, die aus der vorhandenen Situation dennoch das Beste herausholen.

Die Straßenfotografie zwingt uns daher, innerhalb kürzester Zeit uns an die neuen Situationen und ungewohnten Umgebungen anzupassen.

Leisure Time - Jakarta LQ

Geschichten erzählen

Ein Bild sollte idealerweise eine Geschichte erzählen und Emotionen auslösen.

Geschichten können entweder ziemlich abstrakt, oder direkter erzählt werden. Sei es weil man selber als Fotograf bestimmte Assoziationen mit dem Bild und deren Inhalt verbindet oder weil man diese beim Betrachter wecken möchte.

Ähnlich wie in der Komposition besteht auch in der Geschichte, dass diese innerhalb von kürzester Zeit so gestaltet werden muss, dass diese auch für den Betrachter nachvollziehbar ist.

Die Öffentlichkeit ist meistens ein chaotischer Platz, wo es schwer ist eine isolierte Geschichte zu erzählen. Deshalb fällt es vielen gerade zu Beginn schwer, interessante Bilder zu schießen. Sie sind meistens zu weit entfernt vom eigentlichen Geschehen und nehmen viel zu viel irrelevante Details auf, die vom eigentlichen Kern ablenken und den Betrachter nur verwirren.

Geduld und Frustration

Selbst wenn die vorhergehenden Herausforderungen regelmäßig gemeistert werden und eigentlich kein Problem mehr darstellen, ist die Straßenfotografie immer noch unberechenbar.

Als Straßenfotografen haben wir keine Kontrolle darüber, ob heute etwas für uns interessantes passiert, oder wir einfach nur Pech haben und das Wetter nicht so richtig mitspielt und uns kein Bild gelingt.

Diese Frustration erlebt jeder Straßenfotograf und es gibt mal bessere mal schlechtere Monate, aber es gilt auch zu lernen, mit diesen Tiefs umzugehen. Sich selber wieder zu motivieren und zu fotografieren, auch wenn man vielleicht nicht das beste Gefühl hat rauszugehen gehört auch zu den Herausforderungen die man als Straßenfotograf bewältigen muss.

All diese Erfahrungen als Straßenfotograf können auch für andere Disziplinen der Fotografie hilfreich sein. Egal ob als Hochzeitsfotograf, der den nötigen Mut braucht sich auf der Hochzeit durchzusetzen, oder der Architekturfotograf, der nervös wird, wenn andere Leute Ihm beim Fotografieren der Gebäude beobachten.

Über Sebastian Jacobitz

Sebastian Jacobitz ist Straßenfotograf aus Berlin und Mitglied im Kollektiv Berlin1020. Auf seinem englischsprachigem Blog teilt er zudem seine Erfahrungen der Straßenfotografie.

Ein Kommentar

  • Katja Dell sagt:

    Hallo Herr Sebastian, vielen Dank für deinen Vortrag, mir fehlt darin leider ein wichtiges Thema. Wie sieht es mit den Bildrechten aus, ich selbst liebe die freie Reportage, bin aber völlig verunsichert was die Bildrechte angeht. Eine Bildkomposition lebt ja eigentlich davon, dass man z.B. wie in der Straßenfotografie eine bestimmte Person hervorhebt, dann ist es aber keine Gruppe mehr in der Öffentlichkeit, die soweit ich weiß, keine Bildrecht hat. Bei Einzelpersonen scheint das aber anders zu sein. Wie gehts du damit um, man kann ja nicht jeden, den man bei einer Reportage fotografiert nach seiner Einwilligung fragen. Weiß du mehr darüber ?

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