Interview mit Thomas Nattermann, der als Konzertfotograf und Fotojournalist arbeitet. Am vergangenen Samstag hat er bei der Fernsehsendung „Wetten dass … ?“ fotografiert und dabei den Unfall von Samuel K. hautnah miterlebt.
Thomas, schildere doch bitte einmal kurz, wie Du den Unfall erlebt hast.
Ich hatte im Vorfeld große Erwartungen an diese Sendung. Die Gäste waren vielversprechend und alles deutete darauf hin, dass sich diese Sendung aus Fotografensicht nach einigen etwas „flacheren“ Sendungen lohnen würde. Dass nach nur ca. 10 Minuten schon Schluß sein würde und die Sendung aufgrund eines tragischen Unfalls abgebrochen werden musste konnte niemand ahnen.
Thomas Gottschalk hatte von Beginn ab, auch bevor die Sendung los ging, blendende Laune und auch seine Co-Moderatorin Michelle Hunziker war sichtlich gut aufgelegt.
Einzig unseren Plätze im Presseblock waren nicht ganz optimal. Die Tribüne der Messehalle in Düsseldorf ist relativ flach, was zur Folge hat, dass die Köpfe des Publikums, welches in den Reihen vor mir saß, im Weg waren und man sich ziemlich „verbiegen“ musste, um alles, was auf der Spielfläche passierte, fotografisch festhalten zu können.
So nutzt man dann oft auch die Wetten, um sich etwas auszuruhen, da diese meistens selbst für ein 400mm Objektiv mit Konverter zu weit weg sind und normalerweise auch nicht unbedingt verkaufbar sind am Ende.
Ich nutze dann diese „Pausen“ um Bilder auf das Macbook zu kopieren und erste Dateien in die Redaktion zu schicken. So auch am Samstag. Man schaut dann mit einem Auge auf das was vorne passiert, so bekommt man in etwa mit, um was für Wetten es sich jeweils handelt.
Der Auftritt des Kandidaten konnte ich von meiner Position aus nicht sehen. Nur als er dann zum ersten Sprung über das erste fahrende Auto ansetzte, konnte ich Sequenzen sehen. (Es gibt da unzählige Kameras, Zuschauer und andere Mitarbeiter die oft die Freie Sicht versperren.)
Einen Sprung brach Samuel kurz vor dem Absprung ab. Das nächste Auto, gelenkt von seinem Vater, fuhr auf die Startposition. Dann ging alles sehr schnell. Samuel nahm Anlauf und sprang…Plötzlich ein lauter Knall und er lag regungslos am Boden.
Als er auch nach einigen Sekunden nicht wieder aufstand war klar, das ihm etwas passiert ist. Thomas Gottschalk machte noch einen Witz, bemerkte aber schnell dass etwas schreckliches passiert war und rief laut nach einem Arzt.
Die TV Kameras wurden relativ schnell ins Publikum geschwenkt, um den bewusstlosen Samuel nicht noch länger zu filmen. Hektik brach aus. Von überall kamen ZDF Mitarbeiter und Sanitäter zum bewusstlosen Samuel gerannt. Das Publikum war schockiert und es war bis auf einzelne laute panische Schreie still in der Halle.
Samuel wurde von einem Pulk von Ärzten und Sanitätern behandelt und nach kurzer Zeit mit einer schwarzen Decke zum Publikum hin abgeschottet. Dreimal musste ein Arzt ins Publikum, weil Zuschauer zusammen brachen.
Gottschalk und Michelle waren sichtlich bestürzt. Schnell wurde ein „Ersatzfilm“ über den Sender ausgestrahlt und die Live Sendung im TV unterbrochen. Thomas Gottschalk rang nach Worten, versuchte alle zu beruhigen, hatte die Situation aber sehr gut im Griff. Michelle wurde von Mitarbeitern hinter die Bühne gebracht. Schnell war klar: Thomas Gottschalk würde die Sendung nicht weiter moderieren, solange Unklarkeit über den Zustand von Samuel herschte. Dies war auch aus meiner Sicht die einzig richtige Entscheidung.
Nach ca. 20 Minuten wurde Samuel auf einer Trage hinausgetragen und in ein Krankenhaus gebracht. Noch immer war unklar, wie ernst sein Zustand wirklich war. Nur eine 45 Minuten andauernde Untersuchung im Krankenhaus würde Klarheit schaffen. Nachdem sich Thomas Gottschalk mit Produzent und dem Führungsteam des Senders unterhalten hatte, verkündete er noch immer sichtlich bewegt den Abbruch der Sendung. Das Publikum hatte dafür vollstes Verständnis und applaudierte. Dann wandte sich Gottschalk an das TV Publikum und verkündete über den Sender ebenfalls den Abbruch der Live Show.
Du bist von Deiner Redaktion beauftragt worden, von der Fernsehsendung „Wetten dass ….?“ zu berichten. Das schließt sicher auch solche unvorhergesehenen Vorfälle ein?!
Ja, eine Berichterstattung schließt alle Vorkommnisse mit ein. Manchmal sind es eher lustige oder auch berührende Momente und leider wie in diesem Fall, auch tragische Momente.
Wie verhält man sich als professioneller Fotojournalist in einem solchen Fall? Möglichst alles hautnah dokumentieren oder eher zurückhaltend aus der Distanz beobachten und vielleicht auf das eine oder andere Foto verzichten?
Ich kann hier nur für mich persönlich sprechen. Im Endeffekt muss das jeder mit sich selbst aus machen.
Als Fotojournalist mache ich Bilder. Bilder sind Nachrichten. Und ich verdiene mein Geld damit. Und leider gehören da auch schlechte oder tragische Nachrichten bzw. Bilder dazu. Ich hätte in diesem Moment nichts für Samuel tun können. Und es haben Millionen von Zuschauern am TV gesehen, was passiert war. Mit Bildern informiere ich, jeder hat ein Recht darauf zu erfahren, was sich zugetragen hatte.
Aber um auf Deine Frage zurückzukommen, erstmal lieber aus der Distanz, die Rettungskräfte nicht behindern! Hautnah geht in einer solchen Sendung von vornherein nicht. Man kann nicht einfach von der Tribüne springen und ganz vorne mitmischen. Hätte ich aber auch nicht gemacht. Aber klar, aus der Distanz habe ich die Szene fotografiert.
Gibt es eine moralische Grenze, die Du nicht überschreiten würdest?
Ich denke die gibt es…auch das muss jeder selber wissen. Für mich ist es dann nicht mehr moralisch vertretbar, wenn ich durch meine Fotos jemanden schädige oder nur aus Sensationslust auf Teufel komm raus mit der Kamera draufhalte.
Spielt der Pressekodex bei Deiner Arbeit als Fotojournalist eine Rolle oder werden die entsprechenden Entscheidungen, was gezeigt werden soll und was nicht, später in den Redaktionen getroffen?
Natürlich liegt das in erster Linie an mir. Die Redaktion weiß aber auch was vertretbar ist und was nicht und im Zweifelsfall werden diese Endscheidungen in der Redaktion bzw. von meinem Chef getroffen.
Wie hast Du die Arbeit Deiner Kollegen und des Senders in diesem aktuellen Fall erlebt?
Da kann ich nur sagen, dass sowohl der Sender als auch alle Kollegen sehr professionell und respektvoll mit der Situation umgegangen sind. Vor allem Thomas Gottschalk!
Thomas, wie gehst Du persönlich mit einem solchen Erlebnis um? Gehört so etwas zum Job oder nimmt einen das auch ganz persönlich mit?
Klar stellt man sich Fragen warum und weshalb das passiert ist. Man muss lernen mit solchen Situationen umzugehen. Was zugegebenerweise auch nicht immer einfach ist. Es ist meistens nicht der Unfall an sich, sondern das ganze Drumherum an das man sich erinnert. Wenn ein Kind aufgrund einer solchen Situation wie bei „Wetten dass…?“ weinend zusammenbricht. Wenn eine alte Dame ohnmächtig wird. Die Menschen die zu diesem Ereignis anwesend sind und dann panisch werden….Das sind so die Moment die im Gedächtnis bleiben. Oder eben Details, wie im Fall von Samuel, das Geräusch des Aufschlagen eines Gesichtes auf Beton.
Manche Menschen kritisieren Fotografen, die, wie in diesem Fall, mit dem Leid anderer Menschen Geld verdienen. Das spektakulärste Bild bringt das meiste Honorar, vielleicht sogar eine Auszeichnung bei World Press Photo. Wie antwortest Du auf eine solche Kritik?
Wie ich vorhin schon sagte: Bilder sind Nachrichten! Oft würde kaum ein anderer Mensch mitbekommen, was passiert ist, wenn es keine Bilder oder Fotojournalisten gäbe! Und klar, wie Du schon sagst, das beste spektakulärste Bild bringt das meiste Honorar. Ich muss es nur mit meinem Gewissen vereinbaren können. Solange ich das kann, werde ich ein Foto, auch von tragischen Situationen, machen.
Thomas, danke für das Interview
Ich habe zu danken!
Wir alle fühlen mit Samuel und seiner Familie und sind in diesen schweren Stunden mit unseren Gedanken bei ihm. Ich hoffe Samuel wird wieder Freude am Leben haben können und dass dieser Unfall keine bleibenden Schäden zurücklassen wird. Mein Respekt auch an das ZDF Team und an Michelle und Thomas Gottschalk, die in dieser Situation 100% richtig gehandelt haben.