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Rezension: Der große Fotokurs von Jacqueline Esen


Von Henning Wüst

Heute steht Jacqueline Esens großer Fotokurs zur Rezension. Ein Buch, das einen hohen Anspruch erhebt. Es will ein umfassender Grundkurs der digitalen Fotografie sein. Auf dem Umschlag prangt in fetter Schrifttype der herausfordernde Satz ”Das komplette Fotowissen!”. So ist denn auch der Umfang des Buches ist für einen Grundlagenkurs gewaltig, umfasst das Werk doch 443 Seiten.

Überblick

Eine Sache habe ich im Laufe meiner. langjährigen Tätigkeit als Referent und Leiter von Workshops gelernt: Grundlagen und Basics anschaulich und gut zu vermitteln, ist eine der anspruchsvollsten und herausfordernden Aufgaben. Zugleich können hier die folgenschwersten Fehler geschehen. Denn sind erst einmal die falschen Fundamente gelegt, wirken sich die Fehler überallhin störend aus.

Ich bin auf das Buch gestoßen, weil ich immer wieder nach einem Tipp für ein gutes Einsteigerbuch gefragt worden bin. Gewöhnlicherweise verweise ich darauf, dass ein guter Workshop eigentlich unverzichtbar ist. Wer aber keine Möglichkeit hat an einem Workshop teilzunehmen, muss auch eine gute Gelegenheit zum Know-How-Erwerb bekommen. Deswegen habe ich Jacqueline Esens großen Fotokurs unter die Lupe genommen.

Inhalt im Detail

Das Werk ist in 10 Kapitel und einen Anhang gegliedert. Der Ansatz ist zunächst vom Aufbau des Buches her technikorientiert. So widmet sich das erste Kapitel auf 35 Seiten den Grundlagen der Digitalkamera. Anfänger werden aber gerne abgeschreckt, wenn es nach wenigen Seiten der Lektüre bereits um so spannende Fragen, wie „CCD- oder CMOS-Sensor – was ist besser?“, geht. Der Interessent will doch Fotografie und nicht Kameratechnik erlernen.

Weiter geht es dann im Kapitel zwei mit Grundlegendem rund um Objektive.

Damit kein falscher Eindruck entsteht sei ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Beschreibung der Thematik in den ersten beiden Kapiteln inhaltlich korrekt und – wichtig und lobenswert – in guter und flüssiger Sprache geschrieben ist. Ich würde einem Anfänger aber dennoch raten, das erste (und das zweite) Kapitel zunächst einfach einmal zu überspringen. Aber dazu später mehr.

Generell kann gesagt werden, dass das Layout und die verwendeten Schrifttypen angenehm und gefällig zu lesen sind. Wichtige Hinweise sind in rot hervorgehoben, Übungen in blau.

Äusserst positiv und hilfreich sind eine Fülle von Beispielsbildern. Am Ende fast jeden Kapitels wird der Leser zudem mit einigen Übungsaufgaben aufgefordert, einen Fotospaziergang zu unternehmen, um das Erlernte in der Praxis umzusetzen. Die Wichtigkeit dieser praktischen Übungen kann nicht genug betont werden; sind sie doch die Basis, um die für die Meisterschaft erforderlichen 10.000 Stunden der Befassung mit einer Materie erreichen zu können (Malcolm Gladwells wissenschaftlich belegte „10.000-Stunden-Regel“).

Richtig fotografisch interessant wird es für den lernbegierigen Anfänger dann ab dem dritten Kapitel. Hier geht es um die motivgerechte Belichtung. Und hier beginnt das Buch dann, seine Stärken auszuspielen. Zwar finde ich es nicht als perfekt, das Kapitel über Belichtung gleich mit Ausführungen zum ISO-Wert zu beginnen – Grundlagen über den Zusammenhang von Blende und Verschlusszeit wären didaktisch wohl sinnvoller – aber da mag man durchaus geteilter Meinung sein. Der Autorin gelingt es jedenfalls, die wichtigen und grundlegenden Zusammenhänge sehr gut nachvollziehbar darzustellen. In den folgenden Kapiteln geht es dann um Schärfe und Licht & Farbe. Hier erschließt sich mir nicht ganz, warum die verschiedenen Arten der Belichtungsmessung nicht bereits im Kapitel drei abgehandelt worden sind. Im Kapitel 6 finden sich unter dem Titel „Zubehör“ hilfreiche Ausführungen zu vielen unterschiedlichen nützlichen Helfern und Techniken.

Ein weiteres Highlight ist das siebte Kapitel. Hier sind auf 48 Seiten hilfreiche Überlegungen für verschiedene Motivsituationen enthalten. Gerne hätten diese Ausführungen noch umfangreicher sein dürfen. Auf typische Fotofallen geht das achte Kapitel ein.

Im neunten Kapitel geht es um den digitalen Workflow. Hier gerät das Buch an seine Grenzen, wenn es um den Workflow der Nachbearbeitung geht. Diese Thematik ist dann doch zu umfassend, um – quasi en passant – mit zu behandelt werden.

Abgerundet wird das Werk mit einem Kapitel „Für Aufsteiger“. Dieses beginnt mit dem sehr erfreulichen Unterabschnitt „Vom Knipsen zum Fotografieren“. Schade, dass diese Gedanken nicht thematisch an den Anfang des Buches gestellt worden sind.

Im Anhang sind schließlich einige Checklisten und Glossar untergebracht.

Bewertung

Inhaltlich ist am großen Fotokurs kein Fehl. Auch der für Anfänger sehr flüssige und gut lesbare Schreibstil – ich habe das in mehreren Feldversuchen getestet – ist sehr begrüßenswert.

Allerdings ist der Aufbau des Buches aus meiner Sicht nicht optimal. Kurz zusammengefasst: Inhalt löblich – Aufbau unpraktisch. Ich würde einem Anfänger raten, über das Kapitel 10 in das Kapitel 3 einzusteigen und dann mit den Kapiteln 7, 3, 4 und 5 weiter zu machen. Den Rest des Buches würde ich zunächst einmal auslassen, um ihn bei Bedarf und weiterem Interesse dann zu späterer Zeit nachzulesen. Mit dieser Maßgabe halte ich das Buch für eine Empfehlung.

Anders mag es sich verhalten, wenn der fotointeressierte Anfänger bereits schon einen Kurs oder Workshop hinter sich hat. Dann hat der Jungfotograf, bzw. die Jungfotografin, bereits die Struktur der Grundlagen kennen gelernt und kann das Buch gezielt als Nachschlagewerk nutzen.

Der große Fotokurs – Besser fotografieren lernen
Jacqueline Esen – Galileo Design
443 S., 2011, Klappbroschur, komplett in Farbe
19,90 Euro, ISBN 978-3-8362-1624-1

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Henning Wüst

About Henning Wüst

Henning Wüst ist Fotograf und Fotojournalist und lebt in Schwedisch-Lappland am Polarkreis. Er arbeitet für Firmen und Magazine und bietet Workshops an. Henning wuchs in Deutschland auf und arbeitete als freiberuflicher Journalist. Gleichzeitig absolvierte er ein Jurastudium und arbeitete mehrere Jahre als Rechtsanwalt in Deutschland. Vor einigen Jahren wanderte er nach Lappland aus.

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