Portraitfotografie

10 Tipps für die Menschenfotografie

Kunden, die in ein Fotostudio kommen, stehen häufig das erste mal vor einer professionellen Fotokamera. Von Models (auch Amateurmodels) kann man eigenständiges Posing nach Anweisung erwarten, unerfahrene Kunden fragen dagegen eher: „Und was soll ich jetzt machen?“ Als Fotograf sollte man da die richtige Antwort parat haben.

Aus meiner Erfahrung hier 10 Tipps für solche Fotoshootings:

1. Souveränität ausstrahlen

Unsicher ist die Kundin oder der Kunde schon selber. Wenn auch der Fotograf unsicher wirkt, verstärkt sich die Nervosität weiter und es wird schwierig, gute Ergebnisse zu erzielen.

2. Angst abbauen

Kunden machen sich oft vor dem Shooting Gedanken: „Wie stelle ich mich an?“, „Wird man meine Problemzonen auch nicht zu deutlich sehen“, „Ich kann das doch gar nicht!“, „Wie konnte ich mich darauf bloß einlassen?“. Selbst wenn diese Zweifel nicht offen ausgesprochen werden, liegen sie häufig in der Luft und der Fotograf ist gut beraten, mit einfühlsamen Worten und vor allem mit seiner Persönlichkeit diese Ängste behutsam abzubauen.

3. Druck abbauen

Häufig setzen sich die Kunden selber unter Druck. JETZT muss ein tolles Bild entstehen. JETZT muss ich voll da sein. Ich möchte mein BESTES Lächeln zeigen. Manchmal wird unter einem solchen Druck genau das Gegenteil erreicht. Ein guter Fotograf baut diesen Druck behutsam ab und weist beispielsweise darauf hin, dass wir hier bei keinem Modelcontest oder einer Leistungsschau sind und schlechte Bilder, wenn denn beim Shooting auch solche entstehen sollten, ja niemand zu sehen bekommen muss. Und der Fotograf sollte die absolute Gewissheit vermitteln, dass erstklassige Bilder entstehen werden, selbst wenn er kein Topmodel vor sich hat.

4. Ausreichend Zeit nehmen

Manche Kunden brauchen eine gewisse Zeit, um aufzutauen. Ein Shooting unter Zeitdruck ist keine gute Idee.

5. Posen vormachen

Auch als männlicher Fotograf kann man seiner weiblichen Kundin Posen und Bewegungen vormachen. Wenn der (nicht mehr ganz sportliche) Fotograf die berühmte S-Kurve in der Hüfte demonstriert und den Po herausstreckt, führt das nicht selten als positivem Nebeneffekt zu einem befreienden Schmunzeln der Kundin.

6. Spiegel nicht in Sichtweite

Im Umkleidebereich ist ein Spiegel erforderlich. Beim Shooting selber sollte man aber darauf verzichten, ansonsten geht der verunsicherte Blick zu häufig dorthin, anstatt in die Kamera.

7. Nicht zu lange mit der Technik beschäftigen

Der Fotograf sollte seine Technik im Schlaf beherrschen und möglichst alle Lichteinstellungen schon vor dem Shooting ausgetestet haben. Wenn er dagegen während des Shootings mit der Technik hadert, kopfschüttelnd auf das Kameradisplay schaut oder endlos lange an den Kameraeinstellungen herumprobiert, wirkt das nicht sehr souverän (siehe Punkt 1).

8. Pausen machen

Es ist für viele Kunden schwierig, über einen längeren Zeitraum „voll da“ zu sein und sich auf das Shooting zu konzentrieren. Der erfahrene Fotograf merkt das rechtzeitig und schlägt eine Pause vor.

9. Begleitpersonen

Einen Fotografen sollte die Anwesenheit einer Begleitperson nicht stören, solange sich diese zurückhält und nicht zu sehr in das Geschehen eingreift. Ich überlasse es den Kunden selber, zu entscheiden, ob ihnen eine Begleitperson hilft und Sicherheit gibt, oder ob sie eher ablenkt.

10. Shooting nicht zu lange ausdehnen

Insbesondere Kinder verlieren nach einiger Zeit das Interesse und die Konzentration. Das sollte man rechtzeitig spüren und bis dahin seine besten Bilder im Kasten haben. Aber auch bei erwachsenen Personen, die die Arbeit vor der Kamera nicht gewohnt sind, ist irgendwann die „Luft raus“.

Diese Tipps habe ich aufgrund meiner ganz persönlichen Erfahrungen aufgeschrieben. Andere Fotografen werden vielleicht teilweise eine andere Arbeitsweise haben. Das muss jeder für sich selber herausfinden.

Was habt ihr für Erfahrungen gemacht? In welchen Punkten könnt ihr zustimmen, was macht ihr anders? Ich freue mich über eure Kommentare.

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Michael Omori Kirchner

About Michael Omori Kirchner

Ich arbeite als Fotograf in Heidelberg und gebe mein Wissen und meine Erfahrung als Business-Coach für Kreative weiter. Mehr

23 Kommentare

  • RT @omori_de: 10 Tipps für di… « Twitter Archive sagt:

    […] @omori_de: 10 Tipps für die Menschenfotografie https://fotografr.de/?p=6455 Tags: daily, Twitter […]

  • Mai khoa Le sagt:

    Gute und nützliche Tipps ….
    Weiter so …

  • Blümchen sagt:

    Wirklich gute Tipps, ich bin selbst oft nervös, wenn ich mich fotografieren lasse. Wenn ein Fotograf diese Sachen beachtet fühlt man sich schon wesentlich wohler.

    Gruß

    Blümchen

  • Kategraphy sagt:

    Huhu!

    Wirklich schöne Tipps! Schade, dass diese für so viele nicht selbstverständlich sind!

    LG Kate

  • […] Tips für Menschenfotografie Der Fotografr präsentiert einen Artikel mit hilfreichen Tips für alle, die sich an das Fotografieren von Menschen heranwagen […]

  • Tami sagt:

    super tips, danke.
    werde nämlich demnächst das erste mal einen Menschen fotografieren (bis jetzt nur Tiere). Von einer Bekannten, die Freundin.
    Ich als Fotograf bin schon unsicher und diese Tips sind doch sehr hilfreich für mich. Da hätte ich gar nicht dran gedacht, das sich meine Nervosität auf den Kunden überträgt.
    Dabke nochmal
    lg Tami

  • Oliver Wand sagt:

    Tami: Es kommt sehr auf Dein Model an. Hat Dein Model Shootingerfahrung wird es sich von Deiner Unsicherheit nicht wirklich anstecken lassen. Wenn aber Du zum ersten mal einen Menschen fotografierst und dieser Mensch seinerseits ebenfalls das erste mal vor der Kamera steht besteht durchaus die Gefahr, dass sich das ganz schnell potenziert. Zumal Du genug mit Dir und Deiner Technik zu tun haben wirst und Dich wenig um das Model, Ausdruck, Pose etc. wirst kümmern können 🙂

  • Raphael sagt:

    Gute Übersicht und wirklich hilfreich 🙂
    Das druck ich mir aus und hängs übers Bett, zum verinnerlichen 🙂

    Gruß,

    Raphael

  • Frank sagt:

    Kann bei allen Punkten nur zustimmen.

    Bestes Rezept für mich und (unsichere) Models ist generell eine lockere Stimmung am Set. Der eine Scherz hier und da lockern beide Seiten auf und Gute Ergebnisse werden auf jeden Fall sichtbar besser.

    Vg
    Frank

  • Treudis sagt:

    Gute Tipps. Ich würde noch einen ergänzen. Es hilft ungemein, wenn der Fotograf Bestätigung und Begeisterung transportiert, also dem Model das Gefühl gibt, dass es das super macht und es tolle Bilder werden.
    LG Treudis

  • Stimme dem Artikel voll zu, als Fotograf darf man sich keine Unsicherheit anmerken lassen oder wenn die Lichtstimmung nicht so ist wie man es sich vorstellt. Einfach souverän seine Sache machen und dem Model Sicherheit vermitteln und hin und wieder auch mal zum Lachen bringen. LG Christine

  • Maya sagt:

    Ich hab bei Bewerbungsbildern leider mal das genaue Gegenteil erfahren… Da hab ich mich gefragt, wie dieser Mann Fotograf werden konnte.

  • Uwe Reinert sagt:

    Als Studiophotograph stimme ich allen Punkten zu. „Ich bin ja so unphotogen!“ höre ich oft. Nach ein paar Bildern zeige ich die Motive dem Kunden am großen Bildschirm und binde ihn in die Entstehung seines Bildes mit. ein. Das lockert auf und die Bilder werden von Serie zu Serie besser.

  • Vielen Dank für Deine Tipps! Eigentlich sollte das alles offensichtlich sein, aber oft versäumt man, sich im entscheidenden Moment zurück zu nehmen und auf solche Dinge zu besinnen. Gut, wenn man dann jemanden hat, der einem ein Feedback geben kann!

  • Hallo Michael, bis auf die Sache mit den Posen stimme ich dir zu. Es gibt mit Sicherheit Posen die toll aussehen – insbesondere bei Frauen und Männern mit Modelfiguren.
    Der normale Kunde hat aber in den seltensten Fällen so eine Figur und in der Regel weiß er das auch. Meine Vorgehensweise ist dann so, dass ich den Kunden so lasse wie er ist. Natürlich korrigiere ich auch mal die Körperhaltung, aber von aufgestzten Posen, bei denen der Kunde aussieht wie ein Covergirl, aber weder den Körper noch die Klamotten hat, halte ich wenig. Ich vertraue da eher auf eine lockere Stimmung und gute Kommunikation…

  • Vielen Dank für die Tipps, die in Fleisch und Blut übergehen sollten. Aber das kommt auch mit immer einem Mehr an Erfahrungen… Und trotzdem ertappe ich mich im Nachhinein, dass ich auf einzelne Punkte nicht oder nicht so intensiv geachtet habe, da eine andere Sache wiedermal sich in den Vordergrund gedrängt hat. Das nehme ich zum Anlass im folgenden Shooting dann darauf mehr zu achten. VG Martin

  • Kann ich alles unterschreiben 🙂 und……
    da ich selbst keine Modellmaße habe, kan ich meine Kundin (fast) immer überzeugen, dass sie auch „schön“ ist.
    Oft ist es auch eine Frage der Geduld zum einen und zum anderen, wenn die Chemie stimmt, dann geht fast alles. wenn man ohne Zeitdruck arbeiten kann-die Location vom Modell gewählt werden darf/kann-finde ich, ist das schon die halbe Miete.
    Lg BB

  • Peter Groth sagt:

    Marcus Schmigelski, das sehe ich genau so… es geht schließlich um bestimmte Menschen und nicht um Vereinheitlichung.

  • Frank sagt:

    Was ich seit Kurzem nicht mehr mache ist tethered bzw. direkt ins iPad shooten. „Models“ werden dadurch oft ablenkt und wenn Fehlschüsse dabei sind auch verunsichert.

    VG
    Frank

    • Ja, Frank, dieselbe Erfahrung habe ich auch gemacht. Tethered mache ich bei Business-Shootings, weil ich vor Ort die Gewissheit brauche, dass wir die Vorstellungen des Kunden mit den Fotos getroffen haben. Bei Privatkunden stört das aber eher.

      Gruß Michael

  • Sönke sagt:

    Gute Zusammenfassung. Ihr solltet mich mal beim lasszivem Schulterblick sehen 🙂

  • Arno Wolff sagt:

    Dieser Satz aus dem Elfie Semotan Interview bringt’s für mich auf den Punkt:
    „Welche Erfahrungen als Fotomodell nützen Ihnen als Fotografin?
    Ich weiß, wie allein gelassen man sich fühlt, wenn einem der Fotograf nicht sagt, wohin die Reise gehen soll. Man muss den Menschen vor der Kamera von seinen Ängsten und Eitelkeiten ablenken, denn sonst verkrampft er und versucht, möglichst schön und souverän auszusehen, und das verhindert, dass gute Bilder entstehen. Ich kenne nur wenige Leute, die keine Regie brauchen. …“

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