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Jeanloup Sieff: Eine zärtliche Werkschau

Von 1. Dezember 2010 5 Kommentare

Harper\’s Bazaar, Alfred Hitchcock, Hollywood, 1962 © The Estate of Jeanloup Sieff, Paris



Rezension von Jörg Eschenfelder

Kürzlich habe ich wieder einmal meine Sammlung an Fotobüchern durchgesehen und bin auf ein Werk gestossen, das mich bei der erneuten Durchsicht genauso faszinierte und inspirierte wie beim ersten Mal. Jeanloup Sieffs (1933-2000) Gesamtwerkschau »Jeanloup Sieff« (Taschen Verlag).

»Mein ganzes Leben schon suchte ich nach der verlorenen Zeit«, schreibt der Franzose in seinen teils sehr persönlichen und intimen Anmerkungen. Er versteht dies positiv. Als Zeit, die nicht wiederkehren wird, »die auch die aller Fotos ist.«

Das Buch umfasst das Schaffen aus 40 Jahren, gliedert es grob in die 50er, 60er, 70er und 80er Jahre und lässt so, auch dank der persönlichen Notizen Sieffs, die vergangene Zeit wieder präsent werden: Modeaufnahmen, Portraits, Akte, Landschaften und Reportagen. Das ganze Schaffen eben und immer in klassischen Schwarz-Weiß.

The Black House, New York, 1964 © The Estate of Jeanloup Sieff, Paris

The Black House, New York, 1964 © The Estate of Jeanloup Sieff, Paris

Café de Flore, early morning, 1975 © The Estate of Jeanloup Sieff, Paris

Sieff war einer der renommiertesten Fotokünstler seiner Generation und fotografierte unter anderem für Magnum, Esquire, Vogue und Harper’s Bazaar. Er war ein Meister des Lichts und der Komposition. Ein Chronist und Künstler gleichzeitig, ein unermüdlich Schaffender, der gekonnte mit Blickwinkeln, Perspektiven und Gestaltungsregeln spielte. Seine Bilder versprühen Witz, Ironie, Zärtlichkeit oder auch Melancholie.
Die Arbeiten Sieffs sprechen an und berühren. »Eine Skulptur, die man nicht Lust hat zu streicheln, ist keine gelungene Skulptur«, zitiert er eingangs den Bildhauer Brancusi, um zu ergänzen: »Ebenso gibt es Fotos, die man streicheln möchte – mit dem Auge.« Und solche Fotos sind in dem Band mehr als genug versammelt.

Mein Fazit: Ein rundum schöner und inspirierender Bildband, der in jedem Regal stehen sollte und den man immer wieder durchblättern kann. Aufnahmen, die verdeutlichen wie mit einfachen Mitteln und Könnerschaft, zeitlose Momentaufnahmen möglich sind, wenn das Auge hinter der Kamera wach und offen ist.

Jeanloup Sieff: »Jeanloup Sieff«
Hardcover, 24 x 30 cm, 192 Seiten, € 9.99
ISBN: 978-3-8365-1723-2
Mehrsprachige Ausgabe: Deutsch, Englisch, Französisch
Taschen Verlag

Mehr Informationen beim Taschen Verlag sowie bei Amazon.

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Jörg Eschenfelder

About Jörg Eschenfelder

Jörg Eschenfelder ist freier Journalist (Text und Foto) mit einer Passion für Fotografie.

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5 Kommentare

  • Andreas sagt:

    Ich habe das Buch schon seit einigen Monaten und bin total begeistert von diesem Bildband. Es versteckt sich hinter ALLEn seinen Fashion oder Landschaftsbildern eine traumhafte Ästhethik und Philosophie. Ich bin der Meinung, dass jeder 10€ für dieses Prachtexemplar etnwenden kann.
    Auch perfekt als Weihnachtsgeschenk.

  • Uwe Landgraf sagt:

    Ein tolles Buch. Ich habe es auch hier im Regal stehen und schaue ab und an zur Inspiration oder zur Entspannung mal hinein

    lg Uwe

  • knipsbuex sagt:

    Ich „kenne“ Jeanloup Sieff schon seit den 80ern. Damals fing ich mit dem Fotografieren an und suchte (natürlich) nach Vorbildern. In einer Fotobuchhandlung blätterte ich in einem Bildband von Schirmer/Mosel und sah zum ersten Mal die Bilder von Sieff – und war überwältigt! Fairer Weise muss ich ergänzen, dass dieses Buch im Kupfertiefdruck gedruckt ist und von daher eine unglaubliche Qualitität hat – visuell und haptisch – an die vermutlich ein normaler Offsetdruck nicht heran reichen wird.
    Aber es geht bei dem Buch ja nicht nur um die Druckqualität, sondern um die Bilder, die Bildideen, die Umsetzung, kurz: um die Sprache des Fotografen. Und hier kann Sieff in jedem Fall überzeugen. Er zeigt oft seinen Humor und sein feines wie scharfes Auge, wenn er sein (Akt-)Modell auf dem Bett kniend ablichtet und in der selben Bildachse der Lichtschein einer Nachttischlampe die Formen des Pos widerspiegelt. Oder etwa, wenn er die Silhouette eines Teilaktes einer perfekt geformten Sanddüne gegenüber stellt. Es sind auch die „einfachen“ Motive, wie das oben gezeigte „Café de Flore“ die mich in mich kehren lassen und mir dabei denke, ja so war es, genau so hab ich das erlebt.
    Im Sommer dieses Jahres konnte ich in der Berliner Galerie „Camera Work“ einige Originale von Sieff sehen und war im ersten Moment enttäuscht. Die Bilder hatten nicht die Brillanz verglichen mit dem Buch, auch konnte ich da und dort die retuschierten Stellen erkennen – doch jetzt mit etwas Abstand bin ich milder in meinem Urteil: es waren Bilder aus den 70/frühen 80er Jahren. Die technischen Möglichkeiten, wie die Bildauffassung waren eine ganz andere (als heute), und die scheinbar unperfekte Ausarbeitung der Abzüge kontrastiert auf’s vollendet mit dem so feinsinnig Gesehenen.
    Die Bilder von Sieff sind aus einer anderen Zeit, fast möchte man sagen aus einer anderen Welt, entsprechen in keiner Weise dem, was unseren Augen heute geboten wird. Wer sich auf diese Sichtweise aber einlässt, wird nicht enttäuscht werden und hat einen kleinen Schatz in seinem Bücherregal.

  • Vielen Dank für deinen Beitrag, der mich auf dieses Buch aufmerksam machte.
    Gestern kam das Buch an. Die Motive des Fotografen beeindrucken mich durch ihre einfachen Lichtgestaltungen, die zum größten Teil mit dem vorhandenen Licht aufgenommen wurden.
    Ersichtlich ist, dass der Fotograf in vielen Themenbereichen der Fotografie unterwegs war. Die Retusche war nicht zwingend sein Markenzeichen, obwohl dieser Makel die Bilder schon wieder einzigartig macht. Die Motivwahl ist durchdacht und grundsätzlich mit einer Aussage verbunden.

    Vielleicht kannst Du ja mal in deinem Bucharchiv weiter stöbern, um uns weitere Perlen vorzustellen 😉

  • Das Zeitliche | cgPhotography sagt:

    […] finden. Zeit finden, für das Durchstöbern der Gedanken anderer Fotografen im Netz und in Büchern. Sich inspirieren lassen. Wo holen andere Fotografen die Zeit her? Wenn man Biographien anderer […]

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