Reportage + Presse

Alberto Giuliani – MALACARNE – Leben mit der Mafia

Das ist eine Gastrezension von Ralf Nöhmer, Fotograf aus Itzehoe. Im Internet ist er meistens unter den Namen Teatime oder Teezeit unterwegs und unter Schwarzbuntes führt er seinen Foto-Blog.

Ich gebe zu: noch nie ist mir eine Rezension so schwer gefallen, wie bei diesem Buch. Als Michael mir zwei Bücher zur Auswahl stellte, wusste ich nicht, was mich erwartet. Ein Bildband über die Mafia, das klang zumindest für mich viel interessanter, als ein Sachbuch über Fotografie. Also entschied ich mich für die Mafia. Bereut habe ich es nicht. Noch nie habe ich über einen Bildband so viel nachgedacht, wie bei diesem. Wobei ‚Bildband‘ nicht richtig ist. Es ist eine Beschreibung der Mafia, ihrer Strukturen, ihrem Vorgehen, über die Hintergründe und die Bedeutung der Politik.

Gleich zu Beginn wird der Leser geschockt durch die Bildserie einer Überwachungskamera. Dort wird der Mord – oder um der Realität näher zu kommen: die Hinrichtung – an einem Menschen gezeigt und gleichzeitig sieht man, wie gleichgültig allen anderen in der Szene abgebildeten Personen dieser Vorgang ist. Es ist fast so, als wenn man in unserem Land auf der Straße eine Getränkedose weg kickt: es macht Krach, einige schauen, andere nehmen keine Notiz davon und gehen weiter.

Die Bilder von Alberto Giuliani sind auch keine künstlerisch gestalteten Bilder, auch wenn man das eine oder andere vielleicht durchaus dazu zählen könnte, sie sind eine Dokumentation. Teilweise verwackelt, aber bei einer reportageartigen Berichterstattung lässt man das durchgehen. Hier gilt: Hauptsache, man hat überhaupt ein Bild. Und bei Alberto Giuliani hat man immer den Eindruck, dass er ganz nah am Geschehen arbeitet.

Die Texte, die einen großen Raum im Buch einnehmen, sind von verschiedenen Autoren geschrieben. Der Verlag schreibt zu den Autoren: „Verfasst wurden sie [die Artikel, Anm.] von so bedeutenden Autoren und Mafia-Kennern wie Roberto Saviano, Rita Borsellino (EU-Abgeordnete, Schwester des ermordeten Richters Paolo Borsellino) oder Pino Corrias (Redakteur bei RAI, Vanity Fair, La Repubblica).“

Die Bilder selbst beschönigen nichts. Blut verschmierte Handys vom letzten Schusswechsel, trauernde Frauen und Bilder von Beerdigungen. Und dass die Mafia nicht nur ganz weit weg in Italien ist, zeigen auch die Bilder im Zusammenhang mit der Morden in Duisburg am 15. August 2007.

Abgerundet wird das Buch durch zwei beigelegte Musik-CDs, auf denen sich die Gesänge der Mafia befinden. Interessant wird diese Zugabe dadurch, dass nicht nur die Originaltexte abgedruckt werden, sondern auch deren Übersetzung. Ohne diese würden die CDs meiner Meinung nach auch wenig Sinn machen. So erkennt man, dass die Lieder nicht nur einfach Lieder sind, sondern auch die Regeln der Mafia widerspiegeln: „Vor Gericht spricht man nicht / Wenige Wörter mit Blick zum Boden / Der Mann, der viel redet, erfüllt nicht seine Pflicht / Er begräbt sich mit seinem eigenem Mund.“

Die Buchtexte sind durchgängig zweisprachig gehalten, italienisch und deutsch nebeneinander. Der Sinn will sich mir nicht ganz erschließen (bis auf den oben erwähnten Liedertexten), mein italienisch ist zudem auch nicht so gut, dass ich ständig zwischen den beiden Sprachen wechseln könnte. Dadurch gewinnt das Buch aber natürlich auch an Umfang. 153 Seiten im Format 28×28 cm.

Ich konnte bisher nur den Inhalt des Buches überfliegen. Habe mich aber immer wieder dabei ertappt, dass ich bei einigen Texten gefesselt hängen geblieben bin. Das Buch werde ich auf alle Fälle wieder in die Hand nehmen, um mehr zu erfahren. Es ist, zugegeben, eine etwas schwerere Literatur und man kann das Buch auch nicht in einem Rutsch (wie ich es sonst gerne mache) lesen. Pausen, um das Gelesene zu verarbeiten, sind notwendig und die Pausen nutzt man eben, um die Bilder auf sich wirken zu lassen.

© Alberto Giuliani

© Alberto Giuliani

© Alberto Giuliani

© Alberto Giuliani

Alberto Giuliani wurde 1975 in Italien geboren und arbeitet seit 1993 hauptberuflich als Fotograf. Seine Bilder werden seit 1995 von der führenden Fotoagentur Grazia Neri präsentiert.  Giuliani arbeitet mit den wichtigsten internationalen Zeitungen und Magazinen zusammen und ist mit mehreren Preisen ausgezeichnet: CANON (2000), AGFA (2003), Masterclass World Press Photo (2006), SIANI Award (2008), LEICA (2010).

Alberto Giuliani: Malacarne – Leben mit der Mafia
120 Seiten, Hardcover gebunden
2 Musik-CDs, ca. 100 Fotos
Text: englisch/deutsch/italienisch
ISBN: 978-3-940004-88-8
EUR 39,95 / sfr 67,50

Mehr Informationen beim Earbooks Verlag und bei Amazon

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Michael Omori Kirchner

About Michael Omori Kirchner

Ich arbeite als Fotograf in Heidelberg und gebe mein Wissen und meine Erfahrung als Business-Coach für Kreative weiter. Mehr

6 Kommentare

  • moni sertel sagt:

    Danke für diese gute Rezension. Hier ist endlich mal eine Buchbesprechung, die sich erfrischend vom üblichen Bla-Bla-Bla abhebt. Man spürt, dass sich der Leser mit dem Inhalt ganz persönlich auseinandergesetzt hat und man erfährt, was dieses Buch bei ihm für Emotionen ausgelöst hat. Das ist ehrlich und überzeugend!
    Gruss – moni

  • Circolo Pasolini Pavia sagt:

    Musiche mafiose insieme ai testi di Saviano e Gratteri…

    Esce in Germania “Malacarne” Ora gli autori ne chiedono il ritiro. Un libro e nomi importanti del giornalismo, della politica e del mondo della magistratura. Uomini e donne immediatamente riconoscibili come icone dell’antimafia. Ro…

  • Holger sagt:

    Schließe mich dem italienischen Vorredner an – soweit wie meine Freundin mir die Passage übersetzen konnte!

    Ahnlich wichtig dieses Buch:

    „Gomorrha. Reise in das Reich der Camorra“ von dem italienischen Journalisten Roberto Saviano. Fand ich klasse und schockierend zugleich.

  • Musiche mafiose insieme<br>ai testi di Saviano e Gratteri » Rovagnate a 5 Stelle sagt:

    […] lo studioso Antonio Nicaso, il magistrato Nicola Gratteri e Rita Borsellino. Sono le firme di “Malacarne”, un libro sulle mafie italiane che con l’aiuto delle belle foto di Alberto Giuliani, […]

  • Teezeit sagt:

    Zunächst einmal Danke für das Feedback.

    Ich habe die Trackbacks zu den italienischen Seiten mal verfolgt und versucht, in meine Übersetzung einen kleinen Sinn zu bekommen – soweit mir das möglich war.

    Offensichtlich polarisiert das Buch in Italien enorm. Erschienen ist es dort wohl noch nicht, aber einige scheinen auch zu bezweifeln, dass es je dort im Handel erhältlich sein wird. Vor dem Hintergrund verstehe ich jetzt auch, dass das Buch hier in Deutschland zweisprachig erschienen ist.

    Grund scheinen die beigelegten CDs mit der Mafiamusik zu sein. Einige Autoren des Buches fanden das wohl nicht so toll und hätten wohl ihren Beitrag nicht veröffentlicht, wäre das vorher bekannt gewesen.

    Wie gesagt: das ist meine Interpretation, nachdem ich die Texte auf den italienischen Webseiten laienhaft übersetzt hatte.

  • Francesco sagt:

    In Italy the press is writing a lot about this title. The funny part, the joke is, that they didn´t even take a look at the book, before criticizing it !!! Some authors even replied to the press that brought the news out, saying that what they wrote is complete bullshit. Many personalities in Italy say, that this is the best work that has ever been published about mafia.

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