Foto-Recht

Dr. Endress Wanckel: Foto- und Bildrecht

Von 16. März 2010 5 Kommentare

Von Henning Wüst

Heute steht ein für alle im fotografischen Bereich Tätigen vielversprechendes Werk zur Rezension an. Es geht um den ausführlichen Leitaden “Foto- und Bildrecht” von Dr. Endress Wanckel.

Ein Buch, dessen aufmerksame Lektüre ich wirklich genossen habe. Ist doch bereits der Autor Programm, denn er ist ein Spezialist der Materie und war u.a. an mehreren relevanten Verfahren in Sachen Caroline von Monaco vor dem Bundesverfassungsgericht (BVerfG) beteiligt.

Zuerst die nüchternen Fakten: Die derzeit vorliegende, 2009 erschienene, dritte Auflage des Werkes umfasst 398 Seiten und ist im sehr renommierten juristischen Fachverlag C.H.Beck erschienen. Der Verlag selbst bewirbt das Buch mit dem effektvollen Slogan “Haftung für das falsche Motiv?”.

Vorab ein Wort zum Titel “Foto- und Bildrecht”. Er vermag auf den ersten Blick zu verwirren, denn wo ist der Unterschied zwischen Foto und Bild? Der Titel scheint indes eher historisch bedingt, liegt das Werk doch bereits in der dritten Auflage vor. Früher gab es noch andere Mitautoren und inhaltliche Begrenzungen. Für die vorliegende dritte Auflage stellt der Autor bereits im Vorwort klar: “Der Begriff des Fotos wird in diesem Buch weit verstanden. Er umfasst alle Arten von Personen- und Sachaufnahmen, gleichgültig in welcher technischen Form sie entstanden sind oder verbreitet werden.” Der für uns als Fotografen relevante Bereich wird also umfassend abgedeckt.

Das Buch ist in 4 grosse Abschnitte eingeteilt: Bildbeschaffung, Veröffentlichung von Fotos, Rechtsfolgen der rechtswidrigen Herstellung oder Verbreitung von Fotos und Rechtsfragen zwischen Fotografen und Verwertern. Die einzelnen Abschnitte sind juristisch schlüssig fein untergliedert. Das ausführliche Inhaltsverzeichnis kann beim Verlag (siehe unten) als PDF kostenlos herunter geladen werden.

Ein Anhang (S. 323-382) ergänzt das Werk mit Auszügen aus Honorarkatalogen und Textauszügen aus dem Kunsturheberrechtsgesetz und dem Urheberrechtsgesetz. Ich habe meine grundsätzlichen Bedenken gegen solche Anhänge, sind doch die hier wieder gegebenen Informationen völlig problemlos – und im Zweifelsfalle sogar aktueller – via Internet recherchierbar.

Abgerundet wird das Werk schliesslich durch ein ausführliches Sachregister, das beim Auffinden spezieller Problem- und Fragestellungen gute Hilfe leistet. Für den nichtjuristischen Leser sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass im Inhaltsverzeichnis nach Seitenzahlen, im Sachregister hingegen nach Randziffern zitiert wird. Die Randziffern ermöglichen – wegen der feineren Gliederung – ein besseres Auffinden der gesuchten Passagen.

Inhaltlich gibt es zu dem Buch nur Gutes zu vermelden. Der in der Materie sichtlich “beheimatete” Autor stellt den juristischen Stoff souverän dar. Im Unterschied zu einem wissenschaftlich-juristischen Werk beschränkt sich der Autor im Interesse der Rechtssicherheit – und der besseren Lesbarkeit für Nichtjuristen – auf die Linie der Rechtsprechung und verzichtet auf Nachweise abweichender Meinungen und auf wissenschaftliche Weite. Eine sehr gute und richtige Entscheidung, denn in der Juristerei gibt es – so sagt das Sprichwort – bei zwei Juristen mindestens 3 unterschiedliche Ansichten zu einer Rechtsfrage. Was in der Praxis aber zählt, ist der umsetzbare Nutzwert eines Werkes. Und der ergibt sich aus einer Orientierung an den Aussagen der Rechtsprechung zu den aufgeworfenen Rechtsfragen, was die Sache – nebenbei bemerkt – oft immer noch hinreichend kompliziert macht.

Der Autor folgt in seiner Darstellung dem “fotografischen Workflow”. Zuerst geht es um die Bildbeschaffung. Das umfasst die Herstellung oder den Erwerb von Personen- oder Sachaufnahmen. Der nächste Schritt befasst sich mit allen Fragen rund um die Veröffentlichung von Aufnahmen. Schliesslich muss problematisiert werden was geschieht, wenn es bei der Beschaffung oder Veröffentlichung zu Rechtsverstössen gekommen ist. Und zu guter Letzt geht es im letzten Abschnitt um die Rechtsbeziehungen zwischen Fotografen und Verwertern, d.h. Agenturen und Verlagen. Es sei freilich eingeräumt, dass Teile des letzten Abschnitts aus der Workflowperspektive auch an den Anfang des Buches gehören würden. Im letzten Abschnitt gibt der Autor zudem einen hervorragenden Abriss des für die Materie relevanten Urheberrechts.

Bei der Lektüre ist mir generell aufgefallen, dass sich das Werk auf dem aktuellen Stand befindet. Was eigentlich selbstverständlich sein sollte, ist trotzdem oft nicht der Fall. Anders bei diesem Buch. Die neueste Rechtsprechung, z.B. das “Caroline-Urteil” des Bundesverfassungsgerichtes (BVerfG), wie überhaupt die gesamte aktuelle Rechtsprechung zur Abbildung von Prominenten ist im Werk verarbeitet und berücksichtigt. Auch die Rechtsprechung zu Sonderproblemen, z.B. die Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes (BGH) und des Bundesverfassungsgerichtes (BVerfG) zur Problematik der satirischen Fotomontage ist enthalten. Ein dickes Lob insoweit an den kompetenten Autor.

Eine Kernfrage liegt darin, an welchen Leserkreis sich das Werk richtet. Der Verlag bewirbt das Buch für Rechtsanwälte, Verlage, Fotoagenturen, Archive und Presserechtler. Zu früheren Auflagen war in Rezensionen kritisiert worden, dass sich das Buch von der Darstellung und Sprache her aber eher an den Juristen als an den Laien richten würde. Dem würde ich so nicht folgen, muss aber klar anmerken, dass es sich um eine für juristische Laien anspruchsvolle Lektüre handelt. Oft wird an einer Stelle auf Ausführungen an anderer Stelle verwiesen, oder es werden längere Passagen aus Gerichtsentscheidungen wieder gegeben. Die “schnelle Information auf einen Blick” gibt das Werk dem Laien oft nicht, kann es aber in Anbetracht der komplexen und verzahnten Materie auch gar nicht geben.

Mein Tipp geht vielmehr in die Richtung, das Werk einfach einmal komplett durchzulesen. Wer sich professionell mit Fotografie befasst, sollte einen Überblick über die im Zusammenhang damit auftauchenden Rechtsfragen und Rechtsprobleme haben. Ist der Überblick einmal gewonnen, lassen sich durch gezieltes Nachschlagen die Problemlösungen finden. Ich höre bereits innerlich den Aufschrei in der Leserschaft dieser Rezension, aber Hand aufs Herz: Sie haben doch auch genug Zeit, die Bedienungsanleitung Ihrer High-Tech-Kamera ausführlich zu studieren, oder? Und hier geht es um wichtigere Fragen, die wegen der mit hohen Gegenstandswerten verbundenen Kostenrisiken im Krisenfall gerne einmal existenzgefährdend werden können.

Zurück zum Inhalt des Buches. Es finden sich eine Fülle von Themen und Informationen, die in anderen Werken zur Thematik nicht zu finden sind, z.B. Luftaufnahmen, gesetzliche Fotografierverbote, Fragen zum Fotografieren bei Gerichtsverhandlungen und zum Zutrittsrecht zu Veranstaltungen oder die Frage nach markenrechtliche Probleme beim Fotografieren entsprechender Marken.

Sehr hilfreich sind – zumindest für die analogen “Real-Raw” Shooter – auch die Fragen rund um das Eigentum am Fotomaterial. Fragen, die in der Praxis immer wieder auftauchen, aber in der Literatur wenig Beachtung finden. Wanckel zeigt hier nicht nur die juristischen Seiten auf, sondern auch die in der Praxis entwickelten Lösungen (z.B. die Pool-Lösung bei spektakulären Gerichtsverhandlungen). Für viele Leser interessant – und vielleicht auch neu – dürften z.B. die Ausführungen zur VG Bild-Kunst sein.

Persönlich finde ich das Kapitel über die Rechtsfolgen der rechtswidrigen Herstellung oder Verbreitung von Fotos besonders hilfreich. Es gibt eine sehr gute Grundlage, um die rechtlichen Folgen und Risiken der eigenen Tätigkeit als Fotograf abschätzen zu können. Auch die Ausführungen zur Vertragsgestaltung im letzten Abschnitt des Buches helfen sehr, Optimierungspotentiale aus dem rechtlichem Blickwinkel zu finden.

Fazit: Das Buch gibt eine solide und aktuelle Übersicht über beinahe alle im Zusammenhang mit Fotografentätigkeiten stehenden Rechtsfragen. Ein für Nichtjuristen zwar sehr anspruchsvolles Buch. Die Lektüre ist aber dennoch unbedingt empfehlens- und lohnenswert, kann sie doch vor – auch in finanzieller Hinsicht – einschneidenden Fehlern bewahren.

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Henning Wüst

About Henning Wüst

Henning Wüst ist Fotograf und Fotojournalist und lebt in Schwedisch-Lappland am Polarkreis. Er arbeitet für Firmen und Magazine und bietet Workshops an. Henning wuchs in Deutschland auf und arbeitete als freiberuflicher Journalist. Gleichzeitig absolvierte er ein Jurastudium und arbeitete mehrere Jahre als Rechtsanwalt in Deutschland. Vor einigen Jahren wanderte er nach Lappland aus.

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