Foto-Recht

Recht für Grafiker und Webdesigner (Koch, Otto, Rüdlin)

Von 28. Januar 2010 2 Kommentare

Von Henning Wüst

Heute steht ein Werk mit hohem Anspruch an sich selbst zur Rezension. Das nun bereits in der 8. Auflage im Galileo-Verlag vorliegende Werk “Recht für Grafiker und Webdesigner” positioniert sich bereits im Vorwort klar und deutlich:

“Damit Sie sich wieder auf Ihre eigentliche kreative Arbeit konzentrieren können, beantworten die drei Rechtsanwälte … in diesem Buch alle Fragen zu Verträgen, Steuern, Internetrecht, Selbständigkeit und Sozialrecht”.

Trotz des Umfanges von 417 Seiten ist das ein sehr sportlicher Anspruch an ein einzelnes Werk, füllen doch Monographien zu den einzelnen umfassten Themenbereichen gerne schon ein Vielfaches der Seitenzahl. Zielgruppe des Werkes sind Werkschaffende (vorrangig Grafiker und Webdesigner), also juristische Laien. Neu ist in der 8. Auflage zudem ein Abschnitt zum Thema Fotorecht.

Zunächst zu den Äusserlichkeiten: Das Format des Werkes ist im klassischen Handbuchstil gehalten. Das führt zu einem praktischen Handling. Bereits beim ersten Durchblättern fällt auf, dass beim Druck anscheinend gespart wurde. Das Schriftbild ist relativ schlecht lesbar und viele der Seiten sind “verdruckt” mit Doppelbildern oder wegbrechenden Buchstaben. Die Bindung ist allerdings ordentlich und hält auch einer intensiven Lektüre stand. Das ist nicht (mehr) selbstverständlich.

Nun zum Inhalt: Neben den 5 Hauptteilen (Schutz der kreativen Leistung, Recht des Internets, Vertragsrecht, Sozialrecht, Recht des Selbständigen und Steuern) auf den Seiten 15 bis 282 bietet das Werk zwei Anhänge: Einen Anhang mit Musterverträgen und Checklisten (Seiten 283 bis 322) sowie einen Anhang mit Gesetzestexten (Seiten 232 bis 417).

Die einzelnen Teile sind jeweils in mehrere Abschnitte gegliedert, so z. B. der erste Teil (Schutz der kreativen Leistung) in die Abschnitte Einleitung, Urheberrecht, Einzelne Werkarten, Fotorecht, Verwendung fremder Inhalte, Geschmacksmuster, Markenschutz und Wettbewerbsrecht. Der Aufbau dieser einzelnen Abschnitte folgt häufig keiner juristischen, sondern einer praxisorientierten Systematik, was in einem Handbuch für die Praxis nur zu begrüssen ist.

Im Text sind den einzelnen Problematiken Beispielsfälle vorangestellt, welche zu dem jeweils zu behandelnden Themenbereich erläuternd hinführen sollen. Das ist grundsätzlich eine sehr löbliche Didaktik. Allerdings fehlen bei vielen Beispielsfällen die Lösungen des Falles. Die Fälle wecken zwar das Interesse des Lesers und sensibilisieren für eine bestimmte Problematik. Ohne durchgängige Auflösungen verlieren die Fälle allerdings ihren Wert.

Damit treffen wir zugleich auch auf einen Kernbereich meiner Kritik an dem vorliegenden Werk. Bereits zu Beginn der Rezension habe ich auf den Anspruch des Werkes hingewiesen. “Alle Fragen aus den behandelten Bereichen” soll das Werk beantworten. Und diesem Anspruch wird das Werk an sehr vielen Stellen schlichtweg nicht gerecht.

Die Gründe dafür sind aus rein juristischer Sicht nachvollziehbar. Die Lebenssachverhalte sind oft zu unterschiedlich, um allgemeingültige Antworten geben zu können. Eindeutige Antworten können mitunter sogar zu einer Haftung führen, der sich Autoren – aus nachvollziehbaren Gründen – nicht aussetzen wollen.

Für den Leser, dessen Erwartungen durch die Ausführungen im Vorwort aber berechtigterweise hoch sind, ist das aber ärgerlich. Dem Juristen wohlbekannte Formulierungen, wie z. B. die Nutzung im Internet könne “erhebliche Gefahren” beinhalten, eine Frage sei “nicht eindeutig zu beantworten” oder eine bestimmte Auswirkung “sei fraglich” befriedigen einen juristischen Laien auf der Suche nach Antworten nicht. Kurz zusammengefasst: Zu viele Fragen, zu wenige Antworten.

Überhaupt haben sich in das Werk sehr viele terminologisch juristische Formulierungen, Worthülsen und Sprachgebilde eingeschlichen. Das macht den Text für Laien an vielen Stellen schlecht lesbar und mitunter unverständlich.

Der klassische juristische Aufbau von Absätzen nach dem “einerseits / andererseits”-Schema hilft dem juristischen Laien nicht weiter, wenn sich ein Autor zur Auflösung einer Frage nicht auf eine der Alternativen als Handlungsampfehlung festlegt.

An einigen Stellen setzen die Autoren zudem – vermutlich unbewusst – die Kenntnis des Bedeutungsgehaltes juristischer Begriffe voraus. So wird unter 13.3.2 auf “Kaufleute” und “kaufmännische Sitten” abgestellt. Für den juristischen Laien wäre an dieser Stelle eine Darstellung das Kaufmannsbegriffes aus dem Handelsgesetzbuch für das richtige Verständnis erforderlich gewesen. Gerade die Frage, inwieweit Angehörige der angesprochenen Zielgruppe rechtlich zu den Kaufleuten zählen oder nicht, ist nicht für jeden Fall eben einfach zu beantworten.

Ein weiteres Beispiel möge die Kritik verdeutlichen: Unter 12.3 wird in Teil II (Recht des Internets) im Abschnitt 12 (Worauf muss ich bei Werbung im Internet achten?) die äusserst spannende Frage aufgeworfen, wer Kundenrefenzen weiter verwenden darf, wenn eine gemeinsame Unternehmung gescheitert ist. Eine Frage, die in der Praxis tatsächlich immer wieder auftaucht und deren Behandlung ich bislang noch in keinem Handbuch für die Praxis gesehen habe.

So weit, so gut. Der geneigte Leser erwartet aber nun eine Antwort auf die aufgeworfenen Frage. Eine konkrete Antwort bleiben die Autoren aber schuldig und verweisen darauf, dass es “schwierig sei”, die Frage zu beantworten. Es folgt der Rat, sich im Kompromisswege zu verständigen. Eine einvernehmliche Regelung ist zwar per se stets vorzugswürdig. Um eine solche – nicht zuletzt verhandlungstaktisch – angehen zu können, wäre die Kenntnis der Rechtslage aber durchaus hilfreich.

Meiner Meinung nach besteht die Kunst eines Werkes, das sich an die nichtjuristische Allgemeinheit richtet eben gerade darin, es für die Leserschaft auch allgemeinverständlich, d.h. mit zum allgemeinen Sprachgebrauch gehörenden sprachlichen Gebilden und Formulierungen zu füllen.

Abgesehen von den angeführten Kritikpunkten ist das Werk aus rein juristischer Sicht auf der Höhe der Zeit. Die zum Zeitpunkt der Drucklegung geltende Rechtslage und die neuere Rechtsprechung sind – soweit angeführt – berücksichtigt.

Schließlich noch einige Anmerkungen zu den beiden Teilen mit Mustern und Checklisten.

Gerade den Teil mit den Mustern halte ich grundsätzlich für gefährlich. Daher an dieser Stelle deutliche warnende Worte. Ein juristisches “Allerweltskochbuch” mit “Universalrezepten” kann es nicht geben.

Vertragsmuster jedweder Art sind stets nur als Anregung zu verstehen. Sie müssen im Regelfalle individuell auf die Besonderheiten des Falles angepasst werden. Zumal die Muster sich teilweise in anspruchsvollen Rechtsgebieten bewegen. Bereits der Gesellschaftsvertrag für eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts bedarf, wie die leidvolle Erfahrung aus der Praxis zeigt, im Regelfall der Hilfe von juristischen Profis.

Zu viele Rechtsgeschäfte und Gesellschaften sind bereits an der blinden Verwendung von “Mustern” gescheitert. Zwar weisen die Autoren auf das prinzipielle Risiko auf Seite 285 hin. Die jahrelange Erfahrung hat mich aber gelehrt, dass juristische Laien im Regelfall der Versuchung, die Kosten einer professionellen Beratung zu sparen erliegen, und lieber unbesehen zum Muster greifen.

In einem Buch das sich vorrangig an Grafiker und Webdesigner richtet, haben solche Muster meiner Meinung nach daher überhaupt nichts zu suchen. Was insbesondere ein GmbH-Gesellschaftsvertrag in den Mustern verloren hat, ist mir schleierhaft. Nach § 2 GmbH-Gesetz ist nämlich in allen Gründungsfällen – auch für die neue vereinfachte Gründung – die notarielle Beurkundung vorgesehen.

Anders verhält es sich mit den Checklisten. Stellen diese doch Know-How in Kompaktform dar. Leider ist der Anhang mit den Checklisten recht sparsam ausgefallen. Hier würde es dem Werk gut anstehen auf die Muster zu verzichten und statt dessen den Checklistenteil deutlich auszubauen. Selbst wenn in manchen Checklisten an einem bestimmten Punkt der Gang zum juristischen Profi empfohlen werden müsste.

Der Anhang mit den Gesetzestexten ist meiner Meinung nach in Anbetracht der Zielgruppe entbehrlich. Eine Seite mit Weblinks hätte genügt, da Grafikern und Webdesignern wohl die nötige Medienkompetenz unterstellt werden darf. Auf diese Weise hätten viele Seiten mit richtigem Inhalt gefüllt, oder der Umwelt ein grosser Gefallen getan werden können. Anhänge mit Gesetzestexten sind heutzutage einfach nicht mehr zeitgemäss und auch nicht mehr erforderlich. Zudem birgt ein solcher Anhang das grosse Risiko, bereits nach kurzer Zeit veraltetes Material zu enthalten.

Fazit: Das Buch wird in vielen Aspekten dem selbst gesetzten hohen Anspruch nicht gerecht. Kein noch so gutes Praxis-Handbuch kann den juristischen Profi ersetzen. Es ist allenfalls für eine erste Orientierung geeignet, bei komplexeren Sachverhalten führt kein Weg am Gang zum Rechtsanwalt vorbei.


Recht für Grafiker und Webdesigner, Ausgabe 2010
Verträge, Schutz der kreativen Leistung, Selbstständigkeit, Versicherungen, Steuern
Uwe Koch, Dirk Otto, Mark Rüdlin
Galileo Design, 417 S., 8. Auflage 2010, gebunden, 39,90 Euro, ISBN 978-3-8362-1510-7

Weitere Informationen beim Galileo Verlag und bei Amazon

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Henning Wüst

About Henning Wüst

Henning Wüst ist Fotograf und Fotojournalist und lebt in Schwedisch-Lappland am Polarkreis. Er arbeitet für Firmen und Magazine und bietet Workshops an. Henning wuchs in Deutschland auf und arbeitete als freiberuflicher Journalist. Gleichzeitig absolvierte er ein Jurastudium und arbeitete mehrere Jahre als Rechtsanwalt in Deutschland. Vor einigen Jahren wanderte er nach Lappland aus.

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2 Kommentare

  • mahom sagt:

    Hallo Henning.

    Danke für diese ausfürhliche Rezension. Da du Erfahrung auf dem Gebiet zu haben scheinst. Gibt es denn ein Buch, welche „besser“ geeignet ist um einen Einstieg in womöglich die Selbstständigkeit und den ganzen rechtlichen Fragen zu klären, unabhängig davon das ich auch der Meinung bin das nur ein Profi (ein Anwalt in diesm Fall) (fast)immer die besser Whal ist, als selbst Hand anzulegen.

  • Henning Wust sagt:

    Hallo Marcel!

    Ein Buch zu empfehlen ist schwierig. Nicht deswegen, weil es gar keine guten Bücher geben würde. Aber entweder steht zuviel drin, oder zuwenig.

    Will sagen: Du wirst praktisch nichts finden, was genau Deinen Bedürfnissen und Fragen entspricht.

    Ich bin deswegen eher für folgenden Ansatz: Geh eine Geschäftsgründung von einem Entreprenöransatz aus an. Verwende so viel Zeit wie möglich, Dein Geschäftsmodell zu entwickeln.

    Wenn Du das auf dem Schirm hast – und erst dann – weisst Du, welche Rechtsfragen überhaupt für Dich wichtig sind (bzw. sein können). Und dann frag gezielt einen Profi. Der haftet dann nämlich auch für seine Auskünfte, wenn etwas schiefläuft oder Du eine falsche Auskunft erhälst.

    Um den Beratungsbedarf richtig abschätzen zu können, kann auch ein Seminar eine Hilfe sein.

    Wenn Du Dich gerade selbst ernsthaft mit der Frage einer Businessgründung beschäftigst, dann mail mich mal an.

    Viele Grüsse

    Henning

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