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Fotofestivals als Chance für Fotografen

Von 24. Juni 2014 6 Kommentare


Gastbeitrag von Petra Vogt – Fotolotsin aus Hamburg

Zurück vom hervorragenden Fotogipfel in Oberstdorf, muss ich mir mal eine Sache von der Seele schreiben: Ich wunderte mich zum erneuten Mal, warum man eigentlich so wenige junge bzw. aufstrebende Fotografen mit ihren Mappen auf solchen Festivals und vor allem in den Masterclasses sieht. Beim Vortrag von Andreas Kronawitt, dem Leiter der Fotoredaktion des Stern, in Oberstdorf etwa, standen jedenfalls gerade mal drei Leute anschließend um ihn herum (eine davon war ich, die sich bedanken wollte). Davon hatte keiner eine Mappe in der Hand. Dabei war der Mann gut gelaunt und hätte sich bestimmt einen Moment Zeit genommen. Im hektischen Hamburg dagegen wartet man wahrscheinlich monatelang auf einen Termin – wenn man denn überhaupt einen bekommt. Mit Foto-Legende Thomas Höpker konnte man abends beim Fotografen-Stammtisch plaudern und mit dem US-Werbefotografen Steve Thornton morgens frühstücken. Gesehen habe ich aber so gut wie keine jungen (oder älteren) Talente, die diese Chancen genutzt hätten. Oder hab ich´s nur nicht mitbekommen (dann müssten sie sich schon sehr gut versteckt haben)?

Nun könnte man meinen, Oberstdorf sei eine Ausnahme.

Beim etablierten Fotofestival in Zingst habe ich es jedoch nicht anders erlebt. Dort konnte man eine Masterclass mit National Geographic- Star Gerd Ludwig buchen oder mit dem US-Fotostar Greg Gorman plaudern. Während er in USA mehrere tausend Dollar für Seminar nimmt, war man dort zu hierzulande üblichen Workshop-Sätzen dabei. Wer nun meint, die Stars seien jeden Tag umlagert gewesen, täuscht sich.

Warum aufstrebende Fotografen solche Chancen nicht nutzen, kann ich nur spekulieren. Ist es schlicht die Bequemlichkeit? Sowohl Zingst als auch Oberstdorf sind nicht mal eben schnell per Flugzeug zu erreichen und erfordern für die meisten eine zeitliche Investition von mindestens einem halben Tag, um überhaupt teilzunehmen. Auch müssen die Anreise- und Übernachtungskosten bestritten werden. Ich verstehe, dass das bei der aktuellen Marktlage für viele nicht einfach ist. Aber jeder der selbständig ist, muss investieren – in einem schwierigen Marktumfeld wie unserem noch viel intelligenter und intensiver als in anderen. Statt in Kamerahardware in Kontakte zu investieren, ist dabei oft die bessere Anlage.

Ich hoffe, die fehlende Teilnahme liegt nicht an schlichter Unkenntnis der Festivaltermine und ihrer Chancen – oder noch schlimmer derer der Relevanz der dort anzutreffenden renommierten Fotografen. Oder am allerschlimmsten daran, dass man glaubt, man wisse und könne schon alles und brauche die alten Meister nicht mehr zum Lernen.

Hier findet Ihr eine Auswahl an Terminen: fotoinfo.de/fotofestivals/

Ihr zumindest wisst nun Bescheid und könnt handeln!

Übrigens: Nur drei Tage nach Abreise aus Oberstdorf hatte ich einen Auftrag in der Mailbox – von einem Kunden, für den ich vor längerer Zeit schon mal gearbeitet hatte, wo der Kontakt aber völlig eingeschlafen war und mir keine neuen Angebotsmöglichkeiten eingefallen waren. Schon am ersten Festival-Tag änderte sich das beim Frühstück. (Disclaimer: Als Workshop-Leiterin hatte ich es vielleicht ein wenig einfacher als andere, aber für einen entscheidenden Faktor halte ich das nicht).

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Petra Vogt

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Petra Vogt arbeitet als Fotolotsin in Hamburg

6 Kommentare

  • pixelsophie sagt:

    Hallo Petra,
    ich sehe das genauso wie du. Ich wundere mich auch immer wie so so wenige diese Gelegenheiten nutzen. Ich glaube auch das „bringt“ am meisten und macht dabei auch noch riesig Spaß! Ich hatte auch mal zum Thema gebloggt: http://www.pixelsophie.de/2014/02/warum-fotoveranstaltungen-wichtig-sind
    Danke für den Beitrag!

  • ThomasD sagt:

    Hi Petra
    Für mich steht das Kosten-Nutzen-Prinzip im Vordergrund. Da ich kein Autofahrer bin, muss ich den ÖPNV nutzen. Schaue Dir mal genau an wie umständlich es ist z.B. von Berlin nach Zingst zu kommen. Am gleichen Tag zurück? Wovon träumst Du nachts? Mindestaufenthalt 3 Tage im völlig überteuerten und Tourismus überbevölkerten Zingst. Selbst wenn Du nicht in Zingst wohnst geht der letzte Bus lange lange bevor es dunkel wird. Also rechnen wir mal zusammen: Transport hin und zurück plus Übernachtung plus Verpflegung plus eventuelle Workshop-Gebühren. Das Ganze für eine vage Hoffnung etwas an Informationen für die eigene Arbeit zu erhalten/finden? Und Oberstdorf? Genau das Gleiche! 9,5 Stunden mit dem Bus und ca. 8 mit der Bahn und Preise sind ähnlich. Bingo!

    Verstehe mich jetzt nicht falsch. Ich finde Fotofestivals richtig und wichtig und es könnten durchaus deren mehr sein. Sie sollten aber an Orten sein die wirklich ohne großen Aufwand erreichbar sind. Das jetzt irgend ein reicher US-Werbefotograf sich bei solchen „Events“ an solch typischen Orten zeigen hat bitte jetzt genau welche Relevanz? Ach ja, man kann von seinem Brötchen abbeißen!

    Vielleicht solltest Du mal Deine Position und Argumentation überdenken und lieber auf Fotofestival gehen (und davon berichten) die den Namen auch verdienen.

  • Hallo Thomas,

    zur Info: ich bin auch jeweils mit der Bahn angereist. Das Problem mit der Übernachtung mit Zingst haben wir beim ersten Mal so gelöst, dass wir in einer FEWO nicht im Ort waren und dann morgens mit den Rädern hingefahren sind. Ja, bequem ist anders. Aber genau das schreckt andere, die bequemer sind, auch ab. Praktisch für die, die die Mühen auf sich nehmen, weil sie dann mehr von den Dozenten haben. 🙂

    Ich glaube mittlerweile, dass es eigentlich eher ein Vorteil ist, wenn die Festivals nicht in größeren Orten stattfinden. In Orten wie Hamburg oder Berlin würde man nämlich bestimmt nicht so viele der Dozenten abends auf dem Stammtischen treffen. Dann würde ein Herr Höpker (nur als Beispiel für alle anderen genannt) wahrscheinlich eher seine Bekannten oder andere Auftraggeber statt die Festival-Teilnehmer treffen.

    Wg. des US-Werbefotografen: Aus dem Satz scheint es mir, dass wir sehr unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wie man im Business voran kommt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man von Leuten, die schon länger im Geschäft sind, sehr viel lernen kann. Und da das mit dem Nürnberger Trichter noch nicht funktioniert, muss man mit ihnen reden. Darüber hinaus habe ich die Erfahrung gemacht, dass persönliche Kontakte unheimlich nützlich sind. Menschen arbeiten gerne mit Menschen, die sie kennen. Das muss nicht mal ein intensives Kennen sein, oft reicht es, wenn man mal die Hand geschüttelt und sich ein bisschen unterhalten hat. Und genau das muss ja irgendwo stattfinden. Bleibt man im eigenen Studio ist das eher unwahrscheinlich…

  • Ralf Badera sagt:

    „mit dem US-Werbefotografen Steve Thornton morgens frühstücken.“

    Ich habe mal einen Vortrag von ihm gesehen, ich glaube bei der letzten photokina. Allerdings eher zum Thema Landschaft bzw. People in Landschaften. Vielleicht ist mir dabei etwas durchgegangen – die Vorträge waren unterhaltsam und die Fotos beeindruckend. Mitgenommen habe ich jedoch nur: „Für solche Fotos braucht man die entsprechend tollen Landschaften“ (die es hier für mich in DE nicht gibt) und „Fotografiere zur richtigen Jahres- und Uhrzeit draußen (wegen des Lichts)“ (keine bahnbrechend neue Erkenntnis).

    „Als Workshop-Leiterin hatte ich es vielleicht ein wenig einfacher als andere, aber für einen entscheidenden Faktor halte ich das nicht“

    Ich schon.

    Ich denke, die fehlende Teilnahme hat schon viel mit dem zeitlichen Aufwand und den Kosten zu tun. Gilt übrigens auch für mich, wobei ich die Fotografie erst frisch als Kleingewerbe angemeldet habe.
    Außerdem sind doch die aktuellen Helden der jungen Fotografen eher Mr. Hollywood, Schwaighofer und Kaplun sowie Krolop. Was soll einen da nach Oberstdorf oder Zingst, jeweils Zipfel der Republik, ziehen?

  • Hallo Ralf,
    nur um das kurz klarzustellen: die genannten Namen von Steve Thornton bis Thomas Höpker waren nur Beispiele – ob man von dem einen oder anderen im individuellen Fall mehr oder weniger mitnimmt, darum ging es nicht. Insgessamt sind so viele Dozenten auf jedem der genannten Festivals, dass für die verschiedenen Geschmäcker und Ansprüche etwas dabei sein sollte. Von den „BLogstars“ aus der Riege Krolop/Hollywood/etc. war in Zingst z.B. Paddy Ludolph von Neunzehnzweiundziebzig dabei.

    Ansonsten sei zur Klarstellung auch noch gesagt, dass ich nur dieses Jahr in Oberstdorf als Dozentin war, ich habe Zingst auch mehrere Jahre ganz normal als Teilnehmerin mitgemacht.

    Petra

  • ThomasD sagt:

    Hallo Petra
    Nur ein paar Fragen!

    Gesprochen habe ich von „leichter erreichbar“ und „nicht überteuert“. Nicht gesprochen von Berlin, Hamburg, oder ähnlich Großem. Auch habe ich nicht Sinn und Zweck von Fotofestivals und der Möglichkeit Profis „leibhaftig“ begegnen zu können bezweifelt. Auch kann ich Deine Freude verstehen und nachvollziehen als Dozentin eingeladen worden zu sein. Aber machen wir uns nichts vor. Ob Jungfotograf(in) oder in diesem Job in die Jahre gekommene(r), rein fotografische Leistung zählt nicht. Ob wer wen kennt, nur bedingt. Entscheidend ist, ob das von Dir produzierte Material zu verkaufen ist, einer gewissen Mode / Schule entspricht. Deine Gedanken, Phantasien und Träume, Dein mit unter schmerzvoller Weg bis da hin, Deine Verluste und Deine Gewinne an Persönlichkeit, Deine Brüche oder Stringenz taugen in unserer Kapital orientierten Gesellschaft höchstens als schmückendes Verkaufs-Beifutter. Weit mehr als 90% des potenziell vorhandenen Kapitals wird auf eine Handvoll Leute verteilt. Um den Rest der Krümel streiten wir uns.
    Wie viel Prostitution verträgt also Fotografie bevor es vom Absurden ins Widerliche driftet? Was für einen Zweck haben Fotofestival wenn eigentlich nur die dicken Eier der etablierten präsentiert werden? Der amerikanische Traum als Weg, ein quasi religiöses Muss, zum Fotografischen Himmel? Warum betreiben wir also Fotografie?
    Etwas weniger Euphemismus,für uns und der Fotografie, wäre nicht schlecht.

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