Bildgestaltung

Bewusst fotografieren: Die Technik im Griff – was nun?

Von 11. Dezember 2012 17 Kommentare

Das ist ein Gastbeitrag von Tobias Naumann, der damit am Wettbewerb „Mein bester Fototipp“ teilnimmt.

Grundsätzlich habe ich oft die Erfahrung gemacht, dass weibliche Fotografen sich dem Thema Fotografie von der gestalterischen Seite nähern, Männer dagegen von der technischen Seite. Da ich zu letzterer Gruppe gehöre, spreche ich also aus Erfahrung, was Technikverliebtheit angeht. Die ersten Jahre habe ich damit zugebracht, endlos Foren zu durchstöbern, Tests zu lesen, jede einzelne Kamerafunktion und Aufnahmetechnik auszuprobieren. So oft es ging, habe ich eine neuere/teurere/bessere Kamera gekauft, von den notwendigen Objektiven gar nicht zu reden.

Und das war auch in Ordnung so, ich lernte, die Technik zu beherrschen, mit dem „Werkzeug“ umzugehen.

Was dabei zu kurz kam, war die Frage, um die es eigentlich gehen sollte, nämlich wie ich meine Fotos „verbessern“ kann – nicht (nur) technisch. Es sollte beim Fotografieren nicht darum gehen, dass man es tut weil man es kann („kostet ja nix“), für mich sollte das Bild einen Sinn haben, eine Bedeutung, einen besonderen Augenblick oder eine besondere Stimmung festhalten.

Spätestens wenn man die Technik im Griff hat, ist also es an der Zeit, an anderen Dingen zu arbeiten und sich weiterzuentwickeln. Ohne nun zu sehr in die Tiefen der Bildkomposition, Bildgestaltung, Farbtheorie, Wahrnehmungspsychologie etc. zu gehen, gibt es glaube ich ein paar Tipps, die leicht anzuwenden sind, aber viel bringen.

Meine Lieblings-Tipps, ohne den Rahmen zu sprengen sind also:

1) Immer die Bildränder im Auge behalten und nicht oder nur ganz bewusst Dinge „anschneiden“.

Beispiel: Wenn auf einer Seite des Bildes noch das halbe Ohr des Nebenmannes hereinragt, wertet es das Foto in aller Regel nicht unbedingt auf.
Besser: Den Bildrand im Auge behalten und dem armen Menschen sein Ohr lassen.

2) Den Hintergrund im Auge behalten. Prominentes Beispiel ist der Laternenpfahl, der dem lächelnden Model aus dem Hinterkopf wächst. Ein Schritt zur Seite kann da Wunder wirken.

3) Sich selbst fragen: Warum mache ich dieses Bild? Was hat mein Interesse geweckt? Was möchte ich zeigen? Wenn ich diese fragen nicht beantworten kann, mache ich das Bild nicht. Wenn ich sie jedoch beantworten kann, habe ich damit eine gute Basis zum weiterarbeiten, nämlich mit Punkt 4).

4) Da ich nun weiß warum ich das Foto machen möchte, was mich daran interessiert, was meine Bildaussage oder Bildwirkung sein soll, habe ich die Chance, genau das zu verstärken bzw. es zu unterstreichen, es also „herauszuarbeiten“. Wie? Siehe 5).

Baustelle der Elbphilharmonie in Hamburg

5) Kenne die Parameter, die Dir für 4) zur Verfügung stehen. Dieser Punkt ist nicht immer ganz objektiv zu beurteilen. Daher nur ein paar kleine Beispiele aus meiner persönlichen Empfindung:

– Farbe/Unfarbe: Möchte ich dem Bild eine traurige, einsame, morbide oder melancholische Stimmung geben, eignet sich eine schwarz/weiß-Umsetzung, um dieses Gefühl zu verstärken. Ein lustiger Kindergeburtstag hingegen, macht sich besser in knalligen Farben.

– Perspektive: Das Motiv wirkt von unten überlegen, auf Augenhöhe neutral, von oben eher unterlegen.

– Brennweite: Mit welcher Brennweite ich ein Foto mache, hat weit mehr Auswirkungen, als die Meter, die ich dafür zu Fuß zurücklegen muss. Lange Brennweiten verdichten die Bildinhalte, eine kurze Brennweite bezieht mehr von der Umgebung mit ein.

– Reduktion: Wohl einer der wichtigsten Parameter. Alles, was nicht zu dem von mir beabsichtigten Bildausdruck bzw. der Bildaussage gehört, lasse ich weg. Man könnte auch sagen, alles was das Bild nicht interessanter macht, macht es uninteressanter. So macht man es dem Betrachter einfacher, den Bildinhalt zu erfassen, ohne dass er sich von zu viel Bildinhalt erschlagen fühlt. Die Kunst besteht im Weglassen.:)

– Ist der Hintergrund wichtig für mein Bild, oder könnte ich ihn eventuell durch gezielte Unschärfe „ausblenden“? Wenn ich das tue, wie stark? Soll man ihn noch erkennen können? Wenn nicht, welche Farben ergeben sich dann im unscharfen Hintergrund?

Wollte ich diesen Blogpost in einem Satz zusammenfassen, wäre mein Tipp wohl „bewusst“ zu fotografieren. Sowohl was das eigentliche Motiv angeht und ob es tatsächlich ein Foto wert ist, als auch wie ich es dann in Szene setze, sollten eine bewusste Entscheidung sein.

Das solls erstmal gewesen sein, ich hoffe ich konnte dem einen oder anderen damit eine kleine Anregung geben.


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17 Kommentare

  • Michael sagt:

    Ich bin voll deiner Meinung was die Herangehensweise von Männer und Frauen angeht. Mir geht/ging es geanauso. Die Tipps bringen es genau auf den Punkt und deine Fotos sind Weltklasse.

    lg Michael

  • Oliver sagt:

    Prinzipiell teile ich die Meinung bzw. Tips voll und ganz, ich empehle hierzu ruhig mal den Feiniger zu lesen,er schreibt das gleiche. Aber ich denke man muss unbedingt auch die technik beherschen, ich binmir sicher dass wird ein Organist seinem Schüler auch raten. Also die wahrheit liegt immer irgend wo in der Mitte.

    Das mit dem Bewust fotografieren hat aber auch so seine Tücken. Wir waren jetzt 6 oder 7 mal in Rom Urlaub machen. Bis auf dieses Jahr habe ich immer versucht Rom zu fotorafieren, wer weiß wann ich wieder da hin komme. Also immer schönmit dem Weitwinkel, viel aufs Bild. Nuir die Bilder schaue nicht mal mehr ich mir an.Absolut nichtssagend. Dieses Jahr habe ichmal bewust und mit ABsicht nur mit dem 300mm in der Stadt fotografiert. Ich war überascht, ok, es sind keine Rom Bilder mehr denen man es ansieht wo sie gemacht wurden, aber sie habenmir sekbst gefallen. Mir haben die Bilder so gut gefallen, dass ich eine Serie Menschen in Rom auf meinen Blog gesetzt habe, das habe ich noch nie gemacht wennwir aus Rom zurückgekommen sind.

    Ich will damit sagen mann muss, glaube ich, unterscheiden zwischen dem bewusten Fotografieren und dem dokumentieren, eines Urlaubes oder eines Festes zum Beispiel. Ich denke dokumentatorische Bilder sind für einen kurzen Augenblick interessant und zeigen sofort das WO und WANN wärend die bewusten Fotos nicht mehr unbedingt das Wo und Wann erkennen lassen dafür aber mehr Ausdruck vermitteln. Ich hoffe mir hilft diese Erkentniss im Zukunft.

    Gruß
    Oli

  • Die Tipps bringen es genau auf den Punkt … Reduktion auf das wesentliche, danke.

  • Nora sagt:

    Bin vollkommen eurer Meinung. Für mich gibt es auch das dokumentatorische Fotografieren einerseits und das Einfangen bestimmter Momente und Stimmungen andererseits. Und auch digital mache ich nicht unzählige Fotos (nur weil es die Technik hergibt), sondern mache jedes (oder fast jedes) Foto bewusst.
    Grüße, Nora

  • Oliver sagt:

    @Nora
    Das finde ich besonders bemerkenswert. Es wird ja u.a. immer behauptet dass analog fotografieren bewuster sei…
    Ich bin der gleichen Meinung, das geht auch digital wenn man seine Finger unter Kontrolle hat!
    Gruß
    Oli

  • transience sagt:

    Danke für die Tipps 🙂 Sehr gelungener Gastbeitrag!

  • Peter Frings Photography sagt:

    Hallo zusammen. Zunächst möchte ich mich für den interesanten Beitrag bedanken. Ich komme noch aus der Zeit der analogen Fotografie. Genau die Zeit, als man noch einen Film einlegen musste und dann fotogrfierte. Anfangs wurde der belichtete Film noch zu Labor geschickt und man mußte ca. eine Woche warten bis die Bilder zurückkamen. Dann gab es richtige Freude oder auch Entäuschung! Später wurde das Badezimmer zum „Labor“ umgebaut. Ich fotogrfierte in den Formaten „Kleinbild“, was mit den Kosten verträglich war – „Mittelformat“ die kosten wurden erheblicher – „Großformat“ – die Kosten waren gewaltig! Also übelegte man sich wann und wo man auf den Auslöser drückte. Später stellte ich dann auch auf „Digital“ um. Klar erlag ich dem Rausch der vielen Möglichkeiet und der 1000 Auslösungen, ohne jemals über Kosten nachdenken zu müße, denn ein gutes Bild wird ja wohl schon dabei sein! Irgenwann habe ich meine alte Technik erinnert und begann wieder so zu arbeiten wie ich es zu analogen Zeiten gemacht habe. Meine Ergebnisse wurden besser!
    Probiert es selbst einmal aus: nehmt euer Gehäuse, bestückt es nur mit einer „Normalbrennweite“(ohne Zoom) – arbeitet manuell und ihr werdet sehen was ich meine!
    Fazit: Fotografie ist immer noch malen mit Licht. Egal ob Mann oder Frau fotografiert. Am Ende zählt nur ein wirklich gutes Bild!

  • Das bewusste Fotografieren ist bewusster. Hat überhaupt nichts mit dem Aufzeichnungsgerät zu tun.

    VG
    Christian

  • Sebastian sagt:

    Schöner Beitrag. Ich würde an dieser Stelle noch gerne zwei weitere Tipps hinzufügen:

    1. Fotografieren ist Praxis. Je mehr man fotografiert, desto mehr Erfahrung sammelt man und kann die benannten Punkte anwenden (Bitte „Mehr“ nicht mit der Anzahl an Auslösungen gleichsetzen).

    2. Andere Bilder angucken! Ich bekomme unheuer viel Anregung und Inspiration durch die Arbeiten und Ideen anderer Fotografen.

  • Erich Werner sagt:

    Danke für den sehr guten Beitrag – die Tipps sind eigentlich das, was ich in meinem Beitrag zu “Mein bester Fototipp” rüberbringen wollte (ob es mir gelungen ist? – keine Ahnung, da ich mich nicht getraut habe, so viel zu schreiben, wie mir die Gedanken während des Schreibens in die Finger geflossen sind *gg*).

    Sich Zeit lassen, auf das Motiv konzentrieren und auf das, was ich mit dem Bild aussagen möchte!

    Das sind m.E. die entscheidenden Kriterien. Ggf. nach der Schnellkontrolle am Display noch einen zweiten oder dritten Schuss mit geänderten Einstellungen (siehe oben) – aber das muss/sollte es dann auch gewesen sein.

    Komme ja auch noch aus der analogen Zeit und drücke zwischenzeitlich in digital vielleicht mal öfter auf den Auslöser als unter analog (aber nur, um verschiedene Einstellungen an der Camera auszuprobieren und hinter am PC zu testen, welche für den Zweck, den ich verfolge, dann auch die beste Einstellung ist/war). Diese wird dann auch im Bild vermerkt und für spätere Aufnahmen dann im „Hinterstübchen“ gespeichert (und hoffentlich wiedergefunden).

    VG und Danke
    Erich

  • ISO400 » Blog Archive » Linksammlung #09 sagt:

    […] Bewusst fotografieren: Die Technik im Griff – was nun? […]

  • Frank sagt:

    Hmm ich erwische mich leider auch immer wieder mal das die Kamera zu viel in der Tasche liegt und ich dann nur spezielle geplante Ideen umsetze. Aus dem Bauch heraus ist es dann eher selten….. Daran sollte ich arbeiten 😀

    VG
    Frank

  • Volker sagt:

    Hallo,

    bei mir spielte die Technik immer eine Nebenrolle. Allerdings bekam ich hin und wieder Probleme mit der fotografischen Umsetzung des einen oder anderen Motivs. Inzwischen beschäftige ich mich mehr mit den technischen Dingen, ohne aber zu einem Technikfreak zu werden.

    Die meisten der im Artikel beschriebenen Tipps sollte man ja eigentlich immer im Hinterkopf haben. Allerdings erwische ich mich doch hin und wieder dabei, nicht richtig hingeguckt zu haben. Ich ärgere mich dann wenn (peinlich, peinlich) dann doch noch einmal die Laterne aus dem Kopf wächst.

    Ich denke ein wichtiger Punkt, besonders bei der Digitalfotografie, ist es sich zu disziplinieren.

    Dazu gehört, nicht zu viele Fotos zu machen. Daran arbeite ich gerade, denn vor allem nach meinem Umstieg von analogen Dias auf digitales Fotografieren habe ich ziemlich drauf los geknipst.

    Außerdem habe ich oft zu schlampig fotografiert (nicht auf eine genaue Belichtung geachtet etc.). Durch moderne Bildbearbeitungsprogramme kann man ja durchaus noch aus schlampig geschossenen Fotos einiges herausholen.

    Inzwischen bemühe ich mich wieder bewusster zu fotografieren, um nicht in der Bilderflut unterzugehen.

    Gruß
    Volker

  • Finn sagt:

    Bin gerade dabei mir die „Technikverliebtheit“ wieder abzugewöhnen und wieder mehr so wie am Anfang zu fotografieren bzw. die Vorteile beider Seiten der Medaille zu kombinieren. Wenn ichm ich aus irgendeinem Grund für die gestalterisch-kreative ODER die technische Seite entscheiden müsste, würde ich definitiv ersteres bevorzugen. Technisch perfekte, glattgebügelte Playboy-ähnliche Fotos gibts schon vieeeel zu viele 🙂

    Bzgl. der Spontanität: Wenn ich (privat) draußen bin, habe ich meine Kamera IMMER dabei …auch wenns manchmal nervt 😀

  • […] zu bewussterem Fotografieren haben? In einem etwas älteren Beitrag hat Tobias Naumann in einem Gastbeitrag auf Fotografr.de noch ein paar weitere Tipps für bewusstes Fotografieren […]

  • Detlev Motz sagt:

    Kann ich nur zustimmen. Frauen kommen mit den kleinsten Fototaschen zu Workshops und haben die besten Umsetzungen was Bilder betrifft. Männer hatten (ändert sich!!) die fettesten Taschen mit allem Zubehör und bringen selten ein gutes Bild auf die Reihe. Bei einer Bildkritik der Lieblingssatz „das mache ich alles noch am PC“. Natürlich gibt es auch dort positive Ausnahmen – aber eben nur Ausnahmen. Ganz schlimm wird es bei Aktseminaren. 🙂

  • Jörn sagt:

    Es mag ein Zufall sein, aber ich (Mann) habe mich nie für die Technik interessiert. Ich habe immer nur geguckt. Wenn ich dann an technische Grenzen stieß, habe ich einen Freund gefragt, der damals schon sehr lange fotografiert hatte.

    Wegen der vielen kleinen Schritte, die sich seither ergeben haben, weiß ich aber viel besser mit dem Equipment umzugehen. Und ich weiß, womit ich fotografieren will. Vollformat. Dazu fast nur hochwertige Festbrennweiten. Von meiner EOS 6D kenne ich nach wie vor nur einen kleinen Teil der Funktionen. Ich fotografiere aber nur im manuellen Modus.

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